58 Minuten

Hermann kommt gegen Mitternacht zu uns. Hermann ist 92 Jahre alt, hat einen Herzstillstand erlitten. Er hat Prostatakrebs und Demenz im Endstadium. Seine Tochter hat in Panik den Notruf angerufen, als er Atemschwierigkeiten bekam; als der Krankenwagen eintraf, stand sein Herz schon still. Nach 30 Minuten bekamen die Sanitäter einen lebensgebenden Rhythmus.

Ich hasse diese Fälle. Meine Abscheu vor dieser Aufgabe äußert sich sogar physisch, die Haare auf meinen Unterarmen stellen sich auf. Ich will das nicht machen. Es ist unsinnig, wir tun niemandem einen Gefallen, es hätte nie auch nur anfangen sollen. Hermann kommt zu uns, Defibrillationsplatten auf die Brust geklebt, Blut im Gesicht, Blut in der Magensonde, Blut im Tubus. Hermann ist schon tot, als er zu uns kommt, beatmet, von Maschinen am Leben erhalten, auf seiner Brust der aufgeschrammte rote Fleck vom „Lucas“, dem Apparat, der mechanische Herzkompressionen ausführt. Hermann ist tot, obwohl sein Herz wieder schlägt, Hermann kann nicht leben und soll es auch nicht, Hermann ist alt und am Ende seines Weges. Sein Geist hat schon vor Jahren aufgegeben, sein Herz heute Abend, und wir scheinen das einfach nicht respektieren zu können in der medizinischen Versorgung.

Ich will mich vor diesen Mann stellen können, fasst ihn nicht an, lasst ihn in Ruhe. Hier stirbt ein alter Mann, auf der Intensivstation, wo er nicht sein sollte, er hätte zuhause in seinem Bett sterben dürfen sollen. Meine Stimme wird laut und schrill, als einer der Ärzte einen arteriellen Zugang vorschlägt, ich mache sonst das meiste mit, aber das machen wir nicht, wir lassen diesen Mann jetzt sterben, ohne das Spektrum der Intensivmedizin in Gang zu setzen.

Hermanns Frau ist selbst nicht mehr in der Lage, den Sachverhalt zu verstehen, und meint am Telefon fröhlich, ach, sie käme morgen oder in ein paar Tagen, und hat wahrscheinlich alles schon vergessen, als der Arzt den Hörer auflegt. Er versucht, Hermanns Töchter zu erreichen, keine antwortet. Hermanns Herz schlägt immer unregelmäßiger, immer mehr Extraschläge, die Herzfrequenz wird immer langsamer.

Keiner geht allein bei uns, keiner stirbt allein. Lena und ich sind bei Hermann, sie hält seine Hand, ich habe meine auf seiner Schulter, wir versuchen beide, nicht auf den Monitor und das EKG zu sehen, eine Frequenz von 32, das ist wahrscheinlich schon PEA, pulseless electrical activity, die elektrische Weiterleitung im Herz funktioniert noch, löst aber keine Kontraktion aus. Wir warten auf die „flatline“, die Asystolie, damit ich endlich den Ventilator abschalten kann, gesetzlich ist es mir nicht erlaubt, bevor die Asystolie eintritt, und Hermanns Herz ist stark. Es dauert 20 Minuten, bis Hermanns Herz endlich aufgibt, bis ich ihn endlich sterben lassen darf. Wir stehen neben Hermann bis zum Ende.

Hermann verbrachte 58 Minuten auf der Intensivstation – eine unendliche Verschwendung an Geld und Emotionen. Hermann hätte zuhause in seinem eigenen Bett sterben sollen.