Auge um Auge

Wenn sich der Zustand von Patienten auf den Stationen verschlechtert, können die Krankenschwestern dort die MIG zu Hilfe rufen. MIG steht für „mobile intensive care group“ und bedeutet, dass die Intensivstationen zur Untersuchung des Patienten kommen. Es gibt verschiedene Faktoren, die die MIG auslösen, wie sehr hoher oder niedriger Blutdruck, Atmungsfrequenz oder Puls, plötzliche Bewusstseinssenkung oder andauernde Krampfanfälle. Die MIG besteht aus einem Intensiv-Arzt und einer speziell ausgebildeten Krankenschwester.

In dem Krankenhaus, in dem ich arbeite, gibt es zwei Intensivstationen, eine chirurgische und eine medizinische. Wir teilen uns den MIG-Auftrag, in der einen Woche rücken die Ärzte der medizinischen Intensivstation zusammen mit den Schwestern der chirurgischen Intensivstation aus, in der nächsten ist es andersherum. Der Gedanke ist, beide Fachgebiete zu kombinieren und nur eine Person von jeder Station abzuziehen. Das funktioniert ganz gut, die Kompetenz wird breiter, der Nachteil aber ist: Man arbeitet immer mit jemandem zusammen, den man eigentlich nicht kennt.

Und manchmal trifft man dabei recht interessante Zeitgenossen!!

Das gesamte Krankenhaus ist hart belastet, das MIG-Telefon klingelt. Eine Patientin in der Pulmonologie ist kaum noch ansprechbar, verschlechtert sich in der Sauerstoffsättigung. Ich rufe den Arzt der chirurgischen Intensivstation an, Thorsten März, MIG auf der Station 52, berichte kurz, er verspricht zu kommen. Ich gehe auf die Station, um die Patientin zu beurteilen, frage eine gehetzte Schwester, die an mir vorbeirennt, die ruft nur „frag mich nicht, ich hatte schon vor zwei Stunden Schluss!“. Ich finde letztlich die Patientin, nein, das sieht nicht gut aus. Kaum kontaktbar, 3 Liter Sauerstoff auf Maske und trotzdem liegt die Sauerstoffsättigung nur bei 80%. Kohlendioxidnarkose bei chronisch obstruktiver Lungenerkrankung, der Kohlendioxidgehalt im Blut steigt und die Patientin wird immer mehr umnebelt. Ich nehme ein Blutgas ab, warte auf den Intensivarzt – da schreit es aus dem Flur, ich laufe nach draußen, da hat eine in der Dusche einen Krampfanfall. Ich komm hier nie mehr weg, denke ich, als ich den Schwestern helfe, krampflösende Mittel zu injizieren und den Luftweg offen zu halten. Auf dem Flur läuft ein nackter Mann mit einem Rollator vorbei.

Thorsten März kommt mit einem riesigen Ultraschallgerät. Donnerwetter, der ist aber ambitioniert, denke ich, der will gleich einen Herzultraschall machen. Er drückt sorgfältig Gel auf die Ultraschallsonde – und drückt sie der Patientin aufs Auge. Ich habe wohl noch nie so erstaunt ausgesehen, er schaut gebannt auf den Schirm – äh, die Patientin kann nicht atmen und der macht einen Ultraschall von ihrem AUGE?!? Das hab ich noch nie gesehen, ich kann mich nicht mehr halten und frage, was er da macht. Er erklärt etwas vom Sehnerv und erhöhtem Druck im Gehirn. Mag sein, aber DAS ist nicht das Problem. Mich beschäftigt das Atemproblem gerade viel mehr, mit Verlaub. Er schallt weiter. Ich rufe entnervt meinen Arzt an, wir kommen mit einer respiratorischen Insuffizienz.

Später frage ich Daniel, der in Ehren ergraute Internisten. Ultraschall vom Auge? „Nein“, meint er, „nie gehört, ich mache nur Ultraschall vom Herzen.“ Na dann, denke ich, wenn Daniel das nicht kennt, dann kann das nichts sein.

Am nächsten Tag frage ich dann doch noch Björn, der meint, ja, das könne man schon machen, sehr zuverlässig sei das aber nicht, und eher zur Verlaufskontrolle und nicht zur Diagnose geeignet, und außerdem war das von der Anamnese ja nicht sehr wahrscheinlich. Dann fragt er, ob das Thorsten März war, erstaunt sage ich ja, und Björn lacht nur – der war sechs Monate auf der Neurointensiv und hat das dort gesehen, und dann erzählt Björn von einem Herzstillstand in der Notaufnahme, Wiederbelebungsmaßnahmen in vollem Gange, alle schauen gebannt auf den Herzrhythmus, da kam Thorsten, knuffte sich nach vorne in diesem Gewirr und drückte dem leblosen Patienten eine Ultraschallsonde aufs Auge – und der ganze Traumasaal stand still…