Chaoskönig Flo

Freitag 10:30, es ist chaotisch, wir sind alle vollauf beschäftigt – da kommt der Anruf von Flo, es geht um einen Patienten, der nur für einen zentralen Venenkatheter in der Leiste kommen soll, er ist jetzt in der Pacemaker-Sprechstunde und soll dann weiter ins Pflegeheim. Okay, wenn mit dem Patienten alles in Ordnung ist, alle Bluttests gemacht sind und ihr lösen könnt, wer den Zugang legt, dann kannst du ihn herholen und das machen.

Andreas kommt im Rollstuhl zu uns – er hat Krebs im Endstadium, ist völlig ausgemergelt und erschöpft. Wir helfen ihm in ein Bett, die Ehefrau ist dabei. Die beiden warten fast zwei Stunden, bis ausdividiert ist, wer den Zugang legen wird – Flo verweist auf Kai, der noch mit der Visite beschäftigt ist. Flos Iphone klingelt, er ruft strahlend, „den Anruf muss ich beantworten“, und eilt um die Ecke. Kai weiß von keinem zentralen Venenkatheter, ich bin mit unseren Patienten und Personal beschäftigt, erst kurz vor eins höre ich, dass Finn, in der Facharztausbildung, erst seit zwei Wochen bei uns, gerade damit beschäftigt ist. Flo ist nirgendwo zu finden. Finn meint vorsichtig „da waren ja auch noch Blutproben…“ Was?!? Wir haben gesagt, nur einen ZVK, und jetzt kommt noch mehr dazu, und ich habe kein Personal? Was soll ich machen, jetzt ist der Patient hier, irgendwer muss es ja machen. Ich bin sauer, die Ehefrau steht im Flur, ich zeige freundlich auf unseren Tagesraum, sie meint, ja, aber da stehe ein Arzt drin und telefoniert… ich weiß sofort, wer das ist, und reiße die Tür auf. Flo steht da und ist mit privaten Gesprächen beschäftigt. „Natürlich können Sie da drin warten, Flo ist gerade fertig!“

Der Transport ist bestellt, da kommt Lisa – Andreas blutet. Er hat sich gerade angezogen und steht neben dem Bett, das rechte Hosenbein ist von Blut durchtränkt. Schnell, zurück ins Bett, es blutet kräftig von der Einstichstelle, Kompressen, Andreas ist geknickt, die Ehefrau verängstigt. Kompressen auf die Einstichstelle, „das blutet jetzt nur ein bisschen, das ist nicht so schlimm…“

Finn! Flo!!! Das durfte nicht passieren, für diesen Patienten gibt es kein Personal, und ich habe keine Zeit für sowas – Finn kommt, wie sahen die Bluttests aus? Am Computer, die Blutproben, die ich abgenommen habe, sind noch nicht zurück, aber… warte… vor ZWEI Wochen hatte der Patient einen Thrombozytwert von 76 und PK-INR 2,1?!

Ich traue meinen Augen nicht, ich werde so wütend, dass ich mich kaum beherrschen kann – vor ZWEI Wochen waren das Gerinnungsvermögen des Patienten miserabel, und wir haben keine neuen Blutproben abgenommen, BEVOR wir ihm mit einer dicken Nadel in eine große Vene in der Leiste gestochen haben?!? Ein Patient, der schwerkrank ist und an Metastasen stirbt? Sagt mir, dass das nicht wahr ist, sagt, dass das nicht so abgelaufen ist. Kochend hole ich einen SafeGuard, ein großes Pflaster mit einer aufblasbaren Mitte, das wir auf die Leiste kleben und dann aufpumpen, um die Blutung zu komprimieren.

Ich suche Björn. Das ist gewaltig schiefgelaufen, die Werte der Tests, die ich abgenommen habe, sind noch schlimmer, Flo ist nicht zu finden, es leckt unter dem SafeGuard, wir holen einen Femostop, ein martialisches Gerät, das dem Patienten um die Hüfte gespannt wird und dann über der Leiste mit hohem Druck aufgepumpt werden kann. Wir verlegen Andreas in ein Überwachungszimmer und schreiben ihn ein, der geht jetzt nirgendwohin.

Björn und ich sitzen mit Flo zusammen. Flo meint, dass die Indikation absolut war und wir bei diesen Werten trotzdem den ZVK gelegt hätten – „Entschuldige, du kanntest die aktuellen Werte nicht, die hätten noch viel schlimmer sein können, als sie waren, und du sagtest zu mir, dass mit dem Patienten alles in Ordnung sei, du warst überall und nirgends, und sehr mit deinem IPhone beschäftigt, ein neuer Arzt legte nach ewigem Hin und Her alleine einen ZVK, obwohl die das eigentlich unter Aufsicht machen sollen. Das ist einfach nicht besonders gut gelaufen, oder?“

Besonders für Andreas, der die Nacht bei uns in einem Überwachungszimmer verbringen musste, schwerkrank und erschöpft. Andreas brauchte Gerinnungsfaktoren und eine Bluttransfusion, bevor wir ihn am nächsten Tag in sein Pflegeheim schicken konnten.

Ich weiß, dass Flo immer die besten Absichten hat, aber er will irgendwie immer zu viel, will alles, am liebsten gleichzeitig, und dann wird alles nur ein einziges teures, ineffektives und patientenunfreundliches Chaos.