Das Grauen namens Flo

Missversteht mich nicht – Flo ist goldig. Flo ist wunderbar, Flo ist hochintelligent, wirklich brillant, sehr in der Forschung engagiert, ein wahrer Visionär, lieb und nett und ehrlich an allem und allen interessiert. Flo ist kompetent und geschickt, charmant und charismatisch. Ein Traum von einem Arzt.

Oder auch nicht. Flo ist der chaotischste Mensch, den ich je getroffen habe. Eine Aura von Chaos umgibt Flo. Überhaupt kein Zeitverständnis, anfangs dachte ich immer, er will mich ärgern mit diesen komischen Fragen, inzwischen glaube ich, dass Zeit bei Flo nicht linear verläuft, sondern eher wie ein Feuerwerk: alles gleichzeitig und mit lautem Knall. Flo ist immer in Eile und versucht immer, fünf Sachen gleichzeitig zu erledigen, scheint irgendwie immer in sein Diensttelefon zu sprechen, während er gleichzeitig versucht, einen Ultraschall zu machen und mit einer Krankenschwester zu reden. Flo kann sich nicht entscheiden und macht daher alles. Flo betreibt eine eigenartige Diagnostik – er schießt wild mit einem Maschinengewehr in die Runde und hofft, dabei etwas zu treffen. Alles muss ausgeschlossen werden, auch die unwahrscheinlichsten Diagnosen, und dafür bestellt er gerne alle Tests und Untersuchungen, die es nur gibt. Es ist vielleicht anmaßend, das als Krankenschwester zu sagen, aber Flo betreibt eine ineffektive und teure Medizin.

Außerdem hat Flo Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren – ich sitze neben ihm, bin Koordinator, er schreibt am Computer, wir werden unsere Patienten nicht los, ich dividiere, den da hin, ah, und vielleicht in ein paar Stunden den da hin, da schreit Flo begeistert auf: „Wow, schau mal, was für ein cooler Schriftstil!“ und ich sehe erstaunt auf sein Worddokument. Fokus, Flo, Fokus… bitte!

Flo steht mit einem Patienten und acht Medizinstudenten auf dem Flur – es ist knüppelvoll hier, auf der Herzintensivstation liegen elf Patienten auf acht Plätzen, das Personal völlig überanstrengt, meine Stimme klingt wohl etwas gepresst, als ich frage: „Was ist das?“ Ein Herzflimmer, von einer kardiologischen Station, meint Flo, Elektrokardioversion, 1922 geboren… „Was?!? Hier tobt die Hölle, und du schleppst eine 95-Jährige für eine akute Elektrokardioversion an?? Flo… Flo…“
Flo lässt sich nicht beirren und rennt den Flur runter, um zu sehen, ob er ein Zimmer finden kann, „hier“, schreit er begeistert. Okay… ich bin Koordinator und kann mich eigentlich nicht auf sowas einlassen, aber der macht das so oder so, da ist es sicherer, wenn ich dabei bin. Flo bounct vor Glück, ein Zimmer gefunden zu haben, hantiert mit Sauerstoffmaske und rasselt Ordinationen herunter – „sie hat Herzversagen, also Fentanylnarkose, sie ist außerdem schwer lungenkrank, sie sollte vielleicht vorher noch inhalieren, und dann brauchen wir… können wir anfangen?“ Nein. Wir können nicht anfangen. Ich muss Medikamente aufziehen, die Patientin inhalieren lassen, sie ins Computersystem aufnehmen, und einen venösen Zugang hat sie auch nicht. Mein Wimmern geht in Flos enthusiastischer Vorlesung für die Medizinstudenten unter.

Nachtschicht – und Flo ist diensthabender Oberarzt, und André ist sein Primärarzt. Na dann – die sind wie A-Hörnchen und B-Hörnchen zusammen. Das darf nicht wahr sein, ich muss mit Ralph reden, der die Dienstpläne macht, die beiden können nicht zusammen hier sein, als die einzigen Ärzte auf der Station, das geht nicht, die verursachen hier das Komplettchaos. André und Flo stürmen das Zimmer – niedriger Blutdruck, die beiden werfen sich auf den Patienten, reden wild durcheinander, braucht er mehr Flüssigkeit? Sie heben die Beine des Patienten, der zum Glück tief schläft, Flo schlägt sich vor Begeisterung fast die Brille von der Nase mit dem Fuß des Patienten, und sie stellen unzählige Fragen, über diesen Patienten und über den daneben – Kalium heute morgen? Und Kreatinin? Was hast du jetzt für eine Citratdosis in der Dialyse (das ist jetzt der daneben), wie sieht die Flüssigkeitsbilanz aus? Kalorien? PaO2 bei FiO2 0,45? Deltradruck? Propofoldosis? Das kann ich auch nicht alles auswendig, außerdem denke ich, es wäre gut, wenn wir einen Patienten nach dem anderen durchsprechen – da ruft Flo „Jetzt kommen die Sportnachrichten!“ und beide eilen aus dem Zimmer… Aha?

Eine stille Stunde, es ist fast Mitternacht, Björn und ich sitzen einsam am Tisch im Personalzimmer. Es ist dieser leise Augenblick, den wir uns immer nehmen, wenn wir gemeinsam Nachtschicht machen, bevor er ins Dienstzimmer geht, um ein paar Stunden zu schlafen. Alle wissen das, das ist der Moment, wo wir reden, alles ist immer so hektisch hier, das ist unsere Stunde, da lässt man uns in Ruhe. Er trinkt Tee, ich Kaffee. Wir stimmen die Lage auf der Station ein letztes Mal ab, diskutieren den Plan für kritische Patienten, dann reden wir ein bisschen über persönliche Dinge, da fragt Björn: „Wie funktioniert Flo als Oberarzt?“ Wie soll ich darauf antworten? Wie soll ich das formulieren? Flo ist Flo, es ist immer alles Chaos, Flo ist schnell gestresst, wenn mehrere Dinge gleichzeitig passieren, Flo ist unorganisiert und kann sich nie entscheiden… wie soll ich das in Worte fassen und trotzdem Flo den Respekt zeigen, den er verdient – er bemüht sich so, er will wirklich das Beste für alle, strengt sich so an. Ich sehe Flo, wie er immer sein Allerbestes tut, Flo, der so hinreißend und goldig ist, wie ein Hund, der vor einem steht und mit dem Schwanz wedelt und eifrig darauf wartet, dass man das Stöckchen nochmal wirft, Flo, der ernsthaft bestürzt und kleinlaut war, als er dachte, mich in einer Situation gekränkt zu haben, wie ein Welpe, der einen mit großen Augen ansieht und mit der Nase anstupst, Flo, der mit offenen Armen begeistert den Flur heruntereilte, um mich hart zu umarmen, als ich von einer längeren Reise zurückkam, Flo, der findet, dass ich eine fantastische Krankenschwester bin, Flo, der mich in einer strittigen Situation ohne Zweifel verteidigte und ganz selbstverständlich auf meiner Seite stand in dieser Frage.

Flo, ich weiß, dass du immer dein Bestes tust. Ich sehe auch alle deine guten Seiten, und ich weiß sie wirklich zu schätzen. Aber ich schwör dir, wenn du nicht so hinreißend wärst, dann hätte ich dich schon vor langem umgenietet 😉