Das können wir besser

Um vier Uhr rufen sie aus der Infektionsklinik an – sie brauchen Hilfe beim Absaugen eines palliativen Patientens. Was daran so schwierig sein soll, dass man Hilfe von der Intensivstation braucht, habe ich immer noch nicht verstanden, aber unsere Regel ist, dass wir von der Intensiv immer helfen und unterstützen, also mache ich mich auf den Weg. Auf der Station Stille, vier Schwestern im Personalzimmer.

Der Patient ist ein alter Mann. Nun ja, das Absaugen ist schon nötig, das höre ich schon im Flur. Der sterbende Mann liegt halb auf der Seite, nicht mehr bei Bewusstsein, gurgelt, erstickt an seinem Schleim, atmet mit einer Frequenz von 50 Atemzügen per Minute. Sein Sohn sitzt voller Kummer neben ihm und hält seine Hand, steht auf, als ich hereinkomme, meint, er geht kurz nach draußen. Ich drücke auf die Klingel – dieser Patient braucht mehr Morphium und Valium. Die Schwester meint, er habe vor einer Stunde Morphium bekommen. Das war dann nicht genug, gib ihm mehr. Jetzt. Ich sauge und sauge, da kommt die Schwester mit einer Spritze und meint, dann gebe ich ihm 2 mg subkutan. Ähh, ich dachte eigentlich an eine intravenöse Injektion? Bis dieser sterbende Mann das Morphium aus dem Unterhautgewebe aufgenommen hat, sind Stunden vergangen, der ist ja schon marmoriert, der hat kaum noch Zirkulation in der Peripherie. Und 2 mg Morphium ist zu wenig, gib ihm jetzt 5 und in einer halben Stunde noch mal 5. Und Valium, gib ihm mehr.

Nach dem Absaugen feuchte ich noch die Mundhöhle des Patienten an. Dicke Krusten aus Sekret und Blut lösen sich von den trockenen Schleimhäuten, ich versuche, meine Irritation zu verbergen, frage nach einem Lollipop mit Sonnenrosenöl, der die Schleimhäute anfeuchtet und vor dem Austrocknen schützt.

Ich spreche kurz mit dem Sohn des Patienten, sage, dass ich jetzt fertig bin, dass ich gesagt habe, dass die Schwestern mehr Schmerzmittel geben sollen. Er schüttelt dankbar meine Hand. Auf dem Weg zurück spreche ich kurz mit den Schwestern, sie sollen mich anrufen bei Fragen, und dann ist es gut, wenn ihr ab und zu mal reingeht und ihn umlagert und die Mundhöhle anfeuchtet. Ich weiß, eine Konfrontation bringt hier nichts, und bin traurig und verärgert, und würde am liebsten sagen „Sitzt hier nicht auf dem Sofa mit dem Smartphone in der Hand, während euer Patient dicke Krusten im Mund hat und ein bisschen Pflege und Fürsorge braucht. Seid nicht so verdammt sparsam mit Schmerz- und Beruhigungsmitteln. Kümmert euch um den Sohn des Patienten, der braucht euch. Es ist nicht so schwierig. Das sind die Basics der Krankenpflege.“

Ich weiß, dass auf den Stationen das Personal fehlt, dass es hart ist, unerfahrene Schwestern, zu viele Patienten. Ich habe lange genug in der allgemeinen Pflege gearbeitet, ich weiss genau, wie es ist. Aber das können wir besser.

Und lasst euer Smartphone in der Tasche, solange nur ein einziger Patient Hilfe braucht.