Das war knapp!

Kai kommt kurz nach Mitternacht, 17 Jahre alt, er hat mit Freunden zusammen Ecstasy ausprobiert. Wahrscheinlich hatten die Jungs nur wenig Ahnung von der Dosierung, Kai hat 400 mg eingenommen und wiegt nur 75 kg, das ist lebensgefährlich. Er kommt mit hohem Puls und Blutdruck und einem kräftigen Temperaturanstieg bewusstlos in die Notaufnahme der Kinderklinik, hat Mageninhalt eingeatmet, wird unter hektischen Bedingungen intubiert und dann zu uns gebracht.

Die Körpertemperatur liegt bei 42 Grad, Kai kocht quasi. Wir wickeln ihn in den CritiCool ein, ein Kühlanzug, wie ein Astronautenanzug, Kühlmütze auf den Kopf, die Temperatur muss runter. Wir geben Muskelrelaxantien, alle Blutwerte sind derangiert, das Myoglobin ist hoch. Wir starten die Dialyse, zum einem, um das Blut kühlen zu können, zum anderen besteht durch das Myoglobin das Risiko eines Nierenversagens. Die Lungen werden geröntgt; der Tubus liegt zu tief, endobronchial, im rechten Hauptbronchus, zu weit vorgeschoben, was bei hektischen Intubationen leicht vorkommt. Kais Temperatur sinkt langsam.

Kais Eltern sind fassungslos, in Tränen aufgelöst. Mitten in der Nacht dieser Anruf, und dann dieses Bild. Sie sitzen an Kais Seite.

Wir müssen den Tubus ein Stück herausziehen, um beide Lungenflügel zu belüften. Wir cuffen aus, ziehen vier Zentimeter nach oben, cuffen wieder ein – und auf einmal passiert alles gleichzeitig, Kai sinkt drastisch in der Sauerstoffsättigung, der Druck im Ventilator sinkt, schnell, Alarm, die Eltern aus dem Zimmer, 100% Sauerstoff im Respirator. Was passiert hier? Wir öffnen den Kühlanzug, um die Lungen abhören zu können, die Hand auf Kais Brustkorb – es knastert. Subkutanes Emphysem, irgendwo leckt Luft, sammelt sich im Brustkorb an, wir schalten die Dialyse ab, Julian telefoniert mit dem ECMO-Team, wir ziehen Kai durch ein CT. Ihm geht es wirklich schlecht, das ist ein Präarrest, gleich kommt der Herzstillstand.

Das CT sieht verheerend aus: Ein Riss von 2 cm Länge in der Luftröhre, als Kai zu uns kam, war der Tubus unterhalb des Risses gecufft, als wir den Tubus zurückzogen, landete die Cuff oberhalb des Risses. Luft im gesamten Brustkorb, unter der Haut, die Lungen fallen zusammen, Luft sammelt sich im Pericardium, und da wir weiterhin ventilieren müssen, um Kai mit Sauerstoff zu versorgen, blasen wir immer mehr Luft hinein. Im CT gehetzte Diskussion: Sollen wir den Tubus wieder weiter nach unten schieben? Das ist gefährlich, wir riskieren, den Schaden noch weiter aufzureißen. Aber irgendwas müssen wir tun, Kai wird die Stunde, die das ECMO-Team braucht, nicht überleben.

Mit zitternden Händen wird ausgecufft, Julian schiebt unendlich vorsichtig den Tubus wieder vier Zentimeter nach unten, Kai stabilisiert sich etwas.

Kai wurde anschließend auf ECMO gelegt, kam in die Uniklinik, wo man den gesamten Thorax öffnen musste, um den Riss zu reparieren. Nach drei Tagen konnte die ECMO abgeschlossen werden, Kai wachte auf und kann nun mit sechs Monaten Reha rechnen.

Der Riss passierte wahrscheinlich unter dieser hektischen Intubation, mit einem halbsteifen Führungsstab, der bei schwierigen Intubationen verwendet wird. Genau wissen werden wir es nie, aber das war ein erschreckendes Beispiel für die vielen und lebensbedrohlichen Komplikationen, die in der Akutversorgung und im Intensivbereich vorkommen können.