Der Arzt als solcher

Früher dachte ich ja, das Klischee vom unpraktischen Arzt sei total daneben, aber inzwischen habe ich das revidiert. Es stimmt zumindest in Teilen, und es liefert immer mal wieder gute Lacher. Wie bei der folgenden Episode:

Gelegentlich kriegen wir Besuch von stationsfremden Ärzten; es gibt ja Patienten, die haben nicht nur eine neurologische Erkrankung, sondern auch noch andere Probleme. Darum kam  Richard aus der Inneren zu uns. Ich begrüßte ihn gemeinsam mit Oberarzt Björn und wir gingen ins Patientenzimmer. Richard untersuchte, erklärte die Behandlungsmöglichkeiten, der Patient stellte Fragen, kriegte sie beantwortet. So weit, so gut, alles wunderbar. Es ging wieder raus auf den Flur, die Ärzte blieben vor den Medizinwägen stehen und diskutierten.

Kurzer Einschub: Oben auf dem Medizinwagen ist ein kleiner Pumpständer eingelassen, sieht aus wie ein Seifenspender. Darin ist Laktulose, ein flüssiges, mildes Abführmittel von zäher, sirupartiger Konsistenz. Man braucht das Zeug recht häufig, darum ist das fest in die Wägen integriert, es ist einfach praktisch, das gleich bei der Hand zu haben.

Die Herren Ärzte standen da also, Richard sprach. Gleichzeitig schaute er sich um nach einem Desinfektionsmittelspender, um sich die Hände zu desinfizieren. Nicht scheu ging er zu meinem Wägelchen und – betätigte den Laktulosespender, bevor ich überhaupt den Mund aufbekam.

„Äh, Richard…“, setzte ich an, aber Björn hob bremsend die Hand: „Elina, lass Richard erst mal ausreden.“ Ich hab ja ein recht fixes Mundwerk und bin dafür bekannt, dass ich zu allem was zu sagen habe…

Ich schürzte die Lippen und dachte mir, na ja, wird er schon merken, dass das Zeug klebrig ist wie Leim und riecht wie Zuckerwasser. Merkte er nicht. Richard redete und redete und rieb sich die Hände, nahm noch ein bisschen mehr Laktulose, die Ärzte standen da, vertieft in medizinische Fakten und der Mann rieb sich die Hände mit Abführmittel ein!

Ich guckte ihm fasziniert zu. Das ist so typisch Arzt, dieses unpraktische, abwesende Verhalten, dieser Fokus auf nur eine Sache, und drumherum nehmen sie gar nichts wahr.

Meine Kollegin Lena war aus dem Schwesternzimmer getreten und stierte Richard mit offenem Mund an. Ich schaute krampfhaft an ihr vorbei, da ich den Lachanfall schon in der Kehle spürte. Internist Richard war fertig und schaute abwesend und leicht verwundert auf seine klebrigen Hände, und Oberarzt Björn sagte zu mir, „Jetzt, Elina, was wolltest du sagen?“

„Ja, eigentlich nur, dass in dem Spender Laktulose drin ist!“ Mein Blick traf nun endlich den von Lena und wir bogen uns beide synchron vornüber vor Lachen. Die fassungslosen Blicke der Ärzte fühlte ich eigentlich nur, denn mir tränten die Augen und ich bekam Schluckauf. Hören konnte ich aber noch, und gottseidank hörte ich, wie die beiden Männer nach einigen Schrecksekunden mitlachten. Sonst hätte ich wohl meine Sachen packen können…