Der beste Beruf der Welt

Ich treffe oft auf Studenten – sowohl in der klinischen Ausbildung als auch an der Uni. Ich unterrichte gerne klinisch und halte Vorlesungen für die Medizinstudenten, in der Grundausbildung der Krankenschwestern und in der Weiterbildung der Intensivpflege. (Ich arbeite in einem Land, in dem Krankenpflege ein Studienberuf ist, und habe hier auch meine Ausbildung absolviert.)

In der Grundausbildung der Krankenpflege sind erstaunlicherweise noch fast alle Plätze belegt – wir bilden aus, nur bleiben die Leute nicht im Beruf. Viele springen nach 6-12 Monaten wieder ab, zumindest im öffentlichen Bereich, bewerben sich im privaten Bereich, machen was anderes, fangen eine neue Ausbildung an.

Es ist so unendlich schade – da steht man vor 50 StudentInnen und weiß, die Hälfte ist ein Jahr nach dem Examen nicht mehr als Krankenschwester tätig. Da ist viel Enthusiasmus – die großen Pläne und Ideen, der Idealismus, die Studenten, die schon im dritten Semester davon überzeugt sind, dass sie Hebamme oder Säuglingsschwester werden wollen, unbedingt, und auf der anderen Seite auch viel Skepsis, der Beruf wird ständig in der Presse diskutiert, alle wissen, wir haben einen Pflegenotstand, die Bedingungen sind hart.

Die häufigste Frage, die mir von den jungen Leuten gestellt wird, ist, ob ich heute das Studium zur Krankenschwester noch einmal anfangen würde. Meine Antwort ist immer ein „Ja“. Ich möchte immer gerne realistisch davon erzählen, dass die Bedingungen mies sind, das Gehalt zu niedrig, die Arbeitszeiten anstrengend, der Beruf noch immer zu wenig wertgeschätzt.

Und dann möchte ich sagen: „Ihr habt den schönsten Beruf der Welt gewählt.“ Haltet das harte erste Jahr durch, beißt die Zähne zusammen, lernt alles, was ihr lernen könnt. Es ist ganz anders, als ihr euch es vorstellt, es ist noch viel besser. Ihr werdet fantastische Begegnungen machen, unglaubliche Zeitgenossen treffen, mit den tollsten Kollegen der Welt arbeiten dürfen, Vorbildern, Begleitern, gute Freunde, ein paar wirklich tiefe Freundschaften schließen, ein paar Kollegen unendlich nahestehen, so nahe, dass jedes Wort überflüssig scheint, ihr werdet zu wahren Vertrauten. Ihr werdet mehr lachen, als ihr glaubt, dass es in einem Krankenhaus überhaupt nur möglich ist. Ihr werdet den ganz speziellen Humor kennenlernen, den keine andere Berufsgruppe versteht.
Ihr werdet endlos viel lernen, Kenntnisse und Fertigkeiten entwickeln, besser werden, schneller, sicherer, selbstbewusster. Ihr werdet das entwickeln, was sich das „klinische Auge“ nennt. Ihr werdet jeden Fehler machen, den es gibt, und diesen tiefen Schreck kennenlernen, wenn ihr sie bemerkt. Ihr werdet Situationen meistern, die zu groß, zu schwer, zu übermächtig erscheinen, Situation, die man glaubt, nicht zu schaffen. Ihr werdet Ängste haben und nachts um zwei aufwachen, in hellem Schreck, weil euch einfallen wird, dass ihr etwas vergessen oder versäumt habt.
Ihr werdet Patienten kennenlernen, tolle Menschen, wahren Mut und Tapferkeit, Kampfgeist, Begegnungen, die euch bescheiden werden lassen, Menschen in Not, in Schmerzen, in Panik, im Sterben treffen, und ihr werdet lernen, das zu schaffen. Ihr werdet Professionalität entwickeln, Patienten mit Empathie zu begegnen statt mit Mitleid.  Ihr werdet jeden Tag etwas Neues lernen und mit jedem Jahr besser werden.

Ohne Zweifel – ihr habt den besten Beruf der Welt!