Der beste Kollege der Welt

Kollegiale Freundschaften im Krankenhaus sind oft etwas ganz Spezielles, und so eine habe ich mit Björn.

Björn und ich sind ein unschlagbares Team – wir greifen immer wie Zahnräder ineinander. In kritischen Situation, wenn die Wogen hoch schlagen und das Stressniveau am Anschlag ist, sehen wir im gleichen Augenblick hoch, finden einander in einer Millisekunde, verständigen uns in einem Saal, in dem 15 Leute durcheinander schreien und hektisch hantieren, mit den Augen, wissen, was wir brauchen, wissen, was wir wollen, wissen, was wir als nächstes tun sollen, sehen immer den nächsten Schritt gemeinsam. Wir verständigen uns ohne Worte, ein Handgriff folgt dem anderen, ein Nicken, ein Augenkontakt, ein Blick reicht, und es funktioniert. Wir haben schon viele Verläufe geändert, spektakuläre Fälle, wir haben schon viele Leben gerettet. Immer zusammen, immer als das beste Team, das es überhaupt nur geben kann.

Alle Kollegen wissen das. Björn und ich sind bekannt als Team – jeder weiß, wenn es irgendwo richtig brenzlig wird, dann brauchen wir einander, dann brauchen wir freies Feld, und dann lässt man uns laufen. Alle wissen, wenn Björn schreit und alle überfordert, dann muss man mich holen, und wenn ich ins Zimmer komme, dann sage ich „Ich bin hier, Björn“ und es läuft von Zauberhand. Wenn ich wirklich in Not bin, dann ruf ich immer ihn an, übergehe ohne Skrupel alle die, die ich aus Höflichkeit und kollegialem Respekt zuerst anrufen sollte, und sage „ich bin’s, kannst du kommen“ und er kommt innerhalb von Sekunden.

Björn ist der Arzt, der von mir absolute Perfektion erwartet und nichts anderes akzeptiert, der mich zur besten Krankenschwester macht, die ich überhaupt nur sein kann.  Björn steht immer auf meiner Seite und verteidigt mich gegen alle, gegen jede Frage, jede Kritik – wenn ich was sage, dann unterstützt er mich sofort, wenn ich Hilfe brauche, dann fragt er nie nach Details, sondern steht in jeder Lage hinter mir, und wenn ich ihn brauche, vor mir, und vor allem immer an meiner Seite.

Wenn da nicht die Sache mit dem Temperament wäre… wir sind beide hitzig, laut, schnell, extrem ungeduldig. Schießen erst und fragen dann. Wir schießen beide scharf. Björn ist hektisch, launisch, unbeherrscht, kratzig, temperamentvoll. Und ich bin ich. Wir haben unsere Auseinandersetzungen, wo wir richtig sauer aufeinander werden, und wir sind beide schlecht im Zurücktreten, im um Entschuldigung bitten. Wir kennen einander inzwischen so gut, dass wir manchmal wenig Rücksicht aufeinander nehmen. Wir können aneinanderrasseln und es kracht gewaltig, so sehr, dass eine Art von emotionaler Druckwelle durch die Station geht und alle in Deckung gehen.

Heute war so ein Tag – zwei Krankenschwestern sind krank, und wir können diese Lücken nicht füllen, die Stationen sind überfüllt, wir werden unsere Patienten nicht los und es kommen ständig neue, alle sind gestresst, wir sind am Rande unserer Kapazität. Ich bin der Koordinator heute, und ich kann nicht mehr machen, ich kann das Personal nicht klonen, nicht mehr rausholen, nicht mehr möglich machen, das Telefon klingelt ständig, immer mehr bricht über uns herein, und ich weiß nicht, wie wir das schaffen sollen – da kommt der Alarm, ein Herzstillstand.

Tatsächlich kann man alles noch strecken – alle Ressourcen sind angestrengt, wir arbeiten drei Stunden lang mit dieser Patientin, einer 30jährigen Frau, wir machen alles möglich, der Schweiß tropft mir in die Augen, wir arbeiten schnell und gut und kriegen alles hin, andere Patienten müssen warten, das Personal kommt nicht zum Essen, ich organisiere, telefoniere, dirigiere, weise an, bin an der Seite der Patientin und koordiniere 23 andere, die Patientin ist völlig instabil, Björn will alles, will es jetzt, sie muss operiert werden, aber wir kommen nirgendwo hin, alle Apparate sind im Einsatz, alles läuft, mehr Blut, mehr Plasma, mehr alles, schneller, noch schneller, ich habe Hunger, ich habe nicht gefrühstückt, weil ich keine Zeit hatte, und jetzt ist es 13:00, wir sind am Rande unserer Kapazität, und Björn schreit immer noch nach mehr, ich arbeite schneller, schneller, bis wir endlich zur Operationsabteilung kommen, die Verantwortung an die Anästhesie abgeben können. Ich hab mein Äußerstes getan, alles, was an diesem Tag, in dieser Situation möglich war.

Es wird ruhiger auf der Station, ich sehe zu, dass alle Schwestern zum Essen kommen – dann die Diskussion im Kollegium, ich stehe mit den Ärzten, berichte, Björn stößt dazu, und alles ist falsch. Die ganze Diskussion ist falsch, und wir sollten beide klüger sein und sind es nicht, natürlich nicht, wir sind beide, wie wir sind, und es entwickelt sich ein Disput um Organisation und Ressourcen, wir schießen beide scharf und missverstehen einander, er unterbricht mich und wird laut, und ich werde sofort defensiv, schlage zurück, das alles ist ganz falsch, wir haben beide noch eine viel zu hohe Drehzahl nach diesem Fall, sind beide voller Adrenalin, nehmen zu wenig Rücksicht aufeinander – und er schlägt zu, schneidet mir das Wort ab, wird vernichtend, ausfallend, vor einer Gruppe Ärzten.

Das tut wirklich weh, so was. Das hab ich nicht verdient, nach diesem Tag. Ich hab mein Äußerstes getan heute, hab das Letzte aus dem Personal rausgeholt, und er schneidet mir das Wort so ab, missversteht mich, schreit mich an, vor Kollegen, und ich wende mich ab und gehe einfach weg aus dieser Situation, von der Station, damit alle anderen nicht sehen, dass ich jetzt in Tränen ausbreche, dass mich das wirklich verletzt, dass ich wirklich am Rande meiner Kapazität bin. Ich will nur noch nach Hause, will nichts mehr von diesem Krankenhaus wissen, will jetzt nur Wochenende und meine Ruhe, ich will hier raus, macht euren Kram alleine.

Die Diskussion läuft wohl im Kollegium der Ärzte weiter, eine Viertelstunde später heißt es überall: Björn sucht nach dir, jetzt, dringend, du sollst nicht nach Hause gehen, bevor du mit ihm geredet hast. Natürlich, trotz meiner Wut weiß ich, natürlich will er mit mir reden, natürlich will er es nicht dabei belassen, bevor ich am Freitagnachmittag nach Hause gehe, es tut ihm genauso leid wie mir, obwohl er es niemals so sagen würde. Ich weiß schon, bevor er ein einziges Wort gesagt hat, was er sagen will, ich weiß, dass er jedes harte Wort bereut und wir finden einander wieder, wie immer, sitzen auf dem Sofa zusammen, reden, trinken unseren Kaffee,  streiten, legen unsere Gedanken dar, lassen los, entspannen uns, kommen langsam runter in der Drehzahl, kennen einander so gut, wissen beide genau, dass auch diese Stunde nichts verändert, dass wir immer noch Björn und Elina sind, das beste Team, das es gibt, das Team, das alles möglich machen kann, dass wir streiten und einander verletzen und dass das Teil unsere Relation ist, dass wir ohne diese Auseinandersetzungen niemals das sein könnten, was wir zusammen sind, und dass wir einander alles verzeihen können, und morgen früh wieder auf Hochtouren laufen können.

I’ll never do it better than I do it with you, Björn! But I know that you know. And you know – I’ll do anything, if you tell me so. I’m lucky to have you.