Der ganz normale Wahnsinn – als Krankenschwester auf Station

Ich will gleich mal vorwegschicken: Ich mag Patienten. Ansonsten wäre ich ja wohl im falschen Job. Kranke Menschen sind meine Arbeit. Und es ist eine schöne Arbeit. Ich sehe, dass das, was ich tue, einen Sinn hat, Menschen hilft, ihr Leiden vielleicht ein klein wenig erträglicher macht. Und die meisten meiner Patienten sind liebenswerte, freundliche, intelligente, höfliche und angenehme Menschen, mit vielen hat man tolle Gespräche, einen feinen Kontakt in all dieser Hektik, eine manchmal fast schon zärtliche, fürsorgliche Beziehung, manche berühren mein Herz ungeheuer, und es macht mir Freude, jeden Tag. Und das sind mindestens 90 Prozent. Aber von denen erzähle ich natürlich nur selten.

Es gibt nämlich noch die andere Gruppe. Ein Klinikaufenthalt wird von gewissen Zeitgenossen als eine Art Gratis-Urlaub betrachtet. Und zwar einer mit Rundum-Service bis ins kleinste Detail. Das muss so eine Art Geheimtipp sein… Die Erwartungshaltung, die bei einem Teil der Patienten herrscht, ist gelinde gesagt ziemlich irritierend. Echt toll, diese Rundumversorgung, oder wie? Auf einmal muss man sich um GAR NICHTS mehr selber kümmern, das Pflegepersonal wird behandelt wie Putzlappen, die Ärzte wie persönliche Bedienstete. Was einem als Krankenschwester auf Station so alles passiert, spottet manchmal jeder Beschreibung.

„Schwester, rufen Sie mal meinen Sohn an und sagen Sie ihm…“ „Äh, Sie können Ihren Sohn selber anrufen, warum soll ich den anrufen, ist das mein Sohn???“ „Schwester, ich will ein Käsebrot/eine Tasse Kaffee/eine aktuelle Tageszeitung, was, Sie haben hier keine aktuelle Tageszeitung?“ „Nein, das hier ist eine Krankenstation und kein Zeitungskiosk.“ „Schwester, wann kommt denn hier jetzt endlich mal der Oberarzt?“ „Der Stationsarzt kommt gegen zehn, das kommt darauf an, wann die Röntgenvisite in der Neuroradiologie vorbei ist.“ „Ich will keinen Stationsarzt, ich verlange den Oooooberarzt!“ „Schwester… Schwester… Schweeeeester, ich kann nicht schlafen, tun Sie was!“ „Ja, was machen Sie denn zuhause, wenn Sie nicht schlafen können?“ „Fernsehen.“ „Ja, dann machen Sie doch den Fernseher an, dass man nicht schlafen kann, kann ja durchaus passieren, besonders wenn man den ganzen Tag im Bett liegt, wovon soll man da müde sein, ein Schlafmittel ist weder indiziert noch ordiniert!“ „Schweeeeeester, ich will ein Pilzomelett!“ „Meine Güte, das ist doch kein Restaurant, ich mache doch nachts um zwei hier kein Pilzomelett!“

Manchmal glaube ich echt, ich stehe im Wald. Obwohl, an solchen Tagen stünde ich da eigentlich viel lieber… Ich bin inzwischen echt der Überzeugung, dass es viel mehr Durchgeknallte gibt als Normale (wobei man da jetzt „normal“ vielleicht noch mal definieren müsste). Ich bin irgendwie ein bisschen zu naiv, glaube ich – ich gehe immer davon aus, dass alle so sind wie ich: ein bisschen langweilig vielleicht, aber zumindest „in control“. Weit gefehlt. Allmählich bin ich sicher, dass das Universum beschlossen hat, mir das Gegenteil klar und deutlich zu beweisen. Irgendwie hab ich immer die eigenartigsten Patienten:

Der eine hat zwei Frauen. Der andere hat nur eine, aber die ist totale Hysterikerin. Der nächste hat sich die gesamte Nasenschleimhaut weggekokst und beschuldigt mich, das mit meinem Paracetamol verursacht zu haben (klar). Wieder ein anderer wandelt bei uns auf der Station herum, hat eine Pelzmütze auf dem Kopf und elegant ein Badehandtuch um die Hüften geschlungen (NEIN, ich weiß nicht, warum). Noch ein Held tritt gegen unseren Kaffeeautomaten, weil es ihm nicht schnell genug geht, jetzt ist der Automat kaputt. Wir fragen uns seit Tagen, was mit dem Fischen im Aquarium im Aufenthaltsraum los ist, bis eine von uns Schwestern dahinter kommt, dass der Demente da seine Pillen reinkippt. Noch einer beschimpft uns auf Bulgarisch und kippt dann auf dem Flur um. Wieder ein anderer hat irgendwie ständig seine Pfoten bei uns auf dem Hintern. Die Nervensäge aus Zimmer 2 geht nonstop fünf Schritte vor und fünf Schritte zurück vor dem Stationszimmer auf und ab und wartet darauf, dass man ihn fragt, ob er etwas braucht. Der nächste schlägt vor, wir sollten doch gerahmte Drucke von Monet in den Patientenzimmern aufhängen (ja, sicher, machen wir später!). Noch einer will unbedingt Armdrücken mit mir spielen (???). Der nächste nennt mich doch tatsächlich „verdammte Fotze“, als ich vorschlage, dass er jetzt inhalieren sollte. Wieder ein anderer pinkelt bei seinem Zimmernachbarn in den Schrank. Sein Bettnachbar schreit nach mehr Morphium… das ließe sich endlos fortsetzen. Und natürlich klingelt dazwischen immer wieder das Telefon!

Und was für Probleme die Leute haben und dann erwarten, dass wir die irgendwie lösen – und das sind nicht etwa medizinische Probleme! Eheprobleme, Scheidungsprobleme, Probleme mit den Eltern/ Kindern/ Schwägerin/ Nachbarn, finanzielle Probleme, rechtliche Probleme, Autoprobleme… Ich bin Krankenschwester, kein Anwalt, Familientherapeut oder Automechaniker! Ich finde, die Geburtstagsfeier der Großtante mütterlicherseits fällt nicht in meinen Zuständigkeitsbereich! Du kannst aber noch eine Paracetamoltablette haben, wenn du magst… Manchmal denke ich, dass die medizinische Diagnose das kleinste Problem ist, das diese Leute haben!