Der rosa Arzt

Wir laufen auf Hochtouren. Ich glaub es nicht, es ist erst 7:20, die Tagschicht hat gerade angefangen und verschafft sich einen Überblick, und es ist schon Chaos. Wir haben zu viele Patienten und zu wenig Betten. Die Stationen sind voll belegt, die Notaufnahme ist voll. Alles ist voll, keiner kommt irgendwo hin.

Außerdem haben wir heute Nacht alle Telefonnummern erneuert. Kein Scherz, das Krankenhaus ist auf ein neues System umgestiegen, alle Nummern sind erneuert, keine Nummer, die ich kenne, führt mehr irgendwohin, und keine neue Nummer führt dahin, wo sie soll.

Ich kann so nicht arbeiten – ich kann sonst alle Nummern auswendig, die ich brauche, die der Ärzte, der Stationen, der Notaufnahme, zum Röntgen. Ich muss ständig nachschlagen, dann anrufen, gleichzeitig müssen wir Patienten auf die Stationen schicken, denn von der Notaufnahme brechen Patienten über uns herein. Und Flo ist heute rot. So nennen wir den Arzt mit der medizinischen Leitung, der kriegt auf der Tafel einen roten Punkt. Heute ist eben Flo rot, allein das reicht für Chaos – ich weiß gar nicht, warum sie das machen, denn eigentlich findet keiner, dass Flo das richtig kann, und alle werfen ständig seine Entscheidungen wieder um.

Ich will auf der Station 82 anrufen und lande im Labor, die Nummer zur Telefonzentrale führt zur Security, meine Telefone klingeln ständig und entnervte Leute fragen mich, wer ich bin, und legen dann wieder auf.

Dann stürmt die höchste Chefin herein – unten in der Notaufnahme warten 12 Patienten auf einen Platz, darunter der Vater einer Bekannten. Nix da, der kommt hier nicht rein, 95 Jahre alt und ein blockiertes Herzflimmern, so einer kriegt heute keinen Platz auf der Intensivstation, und außerdem, was sollen wir denn machen? Wir haben keine Betten mehr und werden unsere Patienten nicht los.

Wir haben eine Art Krisensitzung zwischen Tür und Angel – mehr Druck auf die Stationen, und eine Rochade von drei Patienten, damit können wir noch einen Platz öffnen (nein, es geht nicht um Schach. so nennen wir das, wenn wir Patienten auf einen anderen Platz legen, um mehr Plätze freizumachen: Zum Beispiel kann einer, der isoliert werden muss, auf einem Zweibettzimmer seinen eigenen Platz und den daneben blockieren. Also machen wir eine Rochade und tauschen ihn gegen den, der in einem Einzelzimmer liegt, aber nicht isoliert werden muss. Dann kann ich das Zweierzimmer voll belegen.

Ich rufe in der Inneren an, die meinen, sie haben noch keinen Beschluss für Überbelegung. Na, das wäre doch was für unsere Chefin gewesen, anstatt hier reinzustürmen und zu meckern, hätte sie vielleicht dafür sorgen können, dass ihre Kumpel in der Inneren Medizin die Bettenzahl erhöhen? Ich meine, für so was ist eine höchste Chefin doch da?!?

Flo meint fröhlich, ach, die Rochade sei doch wohl nicht notwendig, so schlimm sei der Platzmangel nicht. Aha. Naja, Flo hat die Leitung… Björn kommt, sind die Plätze schon getauscht? Nein. Flo sagte Nein, also liegen alle noch auf denselben Plätzen. Björn sieht aus, als ob er gleich einen Anfall kriegt. Sofort ummöblieren! Flo wird sauer, als wir doch anfangen, die Patienten zu verlegen – wäre ich auch, wenn ich die Leitung hätte und jemand wirft ständig meine Entscheidungen um. Und mein Telefon klingelt ständig, ich weiß kaum noch, wie ich heiße, wenn ich antworte. Wir haben 29 Patienten auf 23 Betten, keine Schwester hat Zeit, auch nur ein Glas Wasser zu trinken, wir hetzen nur in den Fluren aneinander vorbei.

Meine Sicherung an diesem Chaostag brennt durch, als ich einer Patientin in aller Eile ein Tablett mit dem Mittagessen serviere und sie umständlich erklärt, dass sie keine Wurst mag, ob man nicht bei dem Koch (welcher Koch??) etwas anderes bestellen könne? NEIN!!! Iss den Kartoffelbrei!!!!

Wutentbrannt stürme ich den Flur hinunter (Himmel noch mal, glauben die Patienten eigentlich alle, wir haben nichts zu tun?) und begegne Björn, der mit wirren Haaren in die andere Richtung hetzt. „Sag mal, was IST hier eigentlich los heute?“, fragt er entnervt.

„Na ja, Flo ist rot heute“, erkläre ich leicht verzweifelt.

Björn verzieht das Gesicht: „Flo ist ist im besten Fall rosa…“