Die Eisprinzessin

Um vier Uhr morgens klingelt mein Telefon, Eva, die diensthabende Ärztin fragt, wie es mit den Plätzen aussieht. Außergewöhnlich gut, auf der Herzintensiv nur drei Patienten. Sie meint, sie geht jetzt in die Notaufnahme, eine Patientin beurteilen, die wahrscheinlich nicht für die Intensivstation in Frage kommt, unterkühlt, 1919 geboren.

Wow. Die gibt es noch, fast 100 Jahre alt….

Eva ruft wieder an, die arme alte Dame ist auf ihrem Abendspaziergang gestürzt, kam selber nicht wieder auf die Füße, es ist Winter und bitterkalt, nachts sinken die Temperaturen beträchtlich. Eva seufzt, die Patientin hat eine Körpertemperatur von 26 Grad, die Notaufnahme ist völlig überfüllt, sie liegt hier auf einer Bahre auf dem Flur… gemeinsam beschließen wir, die Patientin zu uns auf die Herzintensiv zu holen, wir müssen so oft Nein sagen, müssen knallhart priorisieren, die Patienten auswählen, denen unser Einsatz am meisten Nutzen bringt und können nicht helfen, weil wir keine Plätze haben, jetzt haben wir einmal freie Plätze, also darf Hanne zu uns kommen.

Hanne kommt als ein kleines Bündel Decken und darf bei uns in einem Einzelzimmer liegen, die kleine, weißhaarige Frau wiegt ungefähr 40 Kilo, die Schwesternhilfen wickeln sie aus und legen eine Warmluftdecke auf sie, kämmen ihr die Haare, umsorgen und umhegen sie. Hanne ist eiskalt, wirklich zu Eis gefroren in dieser kalten Winternacht, ab 32 Grad Körpertemperatur steigt das Risiko von Herzarrhythmien, dass eine 99 Jahre alte Frau mit 26 Grad noch lebt?!?

Hanne war eine begeisterte Kinderärztin, erzählt ihre Tochter Helen, die auch schon im Rentneralter sein muss. Hanne hat vor Jahren entschieden, dass sie keine drastischen Wiederbelebungsmaßnahmen wünscht, keine Herz-Lungen-Massage, keine Intubation, keine Intensivbehandlung, keine Dialyse. Wir versichern, dass wir diesem Wunsch folgen werden, wir wärmen sie nur, sie ist nur hier, weil sie woanders keinen Platz bekommt und die Nacht im Flur der Notaufnahme verbringen müsste. Wenn sie diese Nacht nicht schafft, werden wir nichts unternehmen

Hanne fasziniert uns in dieser Nacht. 1919 geboren, hat sich zur Kinderärztin ausbilden lassen, zu einer Zeit, als das wirklich noch nicht selbstverständlich war. 99 Jahre alt, geht jeden Abend noch spazieren. Völlig klar, nicht ein Hauch von Demenz. Wir schauen der Temperaturanzeige zu, wie sie langsam steigt, wir nennen sie nur liebevoll „die Eisprinzessin“, jedes Mal, wenn ich bei den Schwestern der Herzintensiv vorbeilaufe, frage ich „wie geht’s der Eisprinzessin?“.

Hanne taut langsam auf, kommt wieder zu sich. Unglaublich, was diese alte Dame schafft – eine solche Unterkühlung schaffen nur wenige. Am Morgen verziehen die Oberärzte den Mund, halb amüsiert, halb verärgert, ihr habt eine Frau, die 99 Jahre alt ist, auf die Intensivstation gelegt? Eva und ich verteidigen die Entscheidung, das war eine Aufnahme aus humanitären Gründen, damit Hanne nicht im Flur der Notaufnahme liegen musste.

Hanne ging am nächsten Tag nach Hause, auf ihren eigenen Beinen. Und Eva und ich erinnern uns gerne an unsere kleine Eisprinzessin, für die wir einen so seltenen humanitären Einsatz bringen durften.