Die Frau mit den neun Leben

Heute kommt eine Familie den Flur hinunter, zwei jüngere Frauen, eineiige Zwillinge, die eine Frau im Rollstuhl schieben. Die Frau erkenne ich nicht, aber die Zwillinge schon – das im Rollstuhl muss Karina sein. Karina, die acht Wochen bei uns war, Karina, die schwerstkranke Frau im septischen Schock, Karina mit den 1000 Komplikationen. Sie lag vor zehn Monaten bei uns. Karina mit den neun Leben…

Sicher für Karina und ihre Zwillingstöchter ein Flashback – wieder bei uns, die Eindrücke strömen auf sie ein, aber auch auf mich, ich sehe die Szene vor zehn Monaten vor mir:

Als ich zur Spätschicht komme, liegt auf Saal 11 eine neue Patientin – Karina. Karina ist 55 Jahre alt, eigentlich ganz guter Gesundheit, sie trinkt vielleicht ein bisschen viel, seit sie vor drei Monaten arbeitslos wurde. Karina kam im septischen Schock am Morgen, ein verzweifeltes Ringen am Vormittag, als ich komme, liegt sie flach auf dem Rücken, intubiert und ventiliert, die Dosis des Noradrenalins auf 0,9 mikrogram/kg/min, eine monströse, undenkbare Dosis, wir schalten die gesamte periphere Zirkulation ab, versorgen das Gehirn, die Nieren und das Herz mit Sauerstoff.

Karina hat eine Lungenentzündung, die so heftig ist, dass ihr ganzer Körper abschaltet. MOF, nennt man das, wenn ein Organ nach dem anderen aufgibt, multi-organ failure. Karina hat einen Ehemann und drei Töchter, sie sind alle hier. Sozial eher die Unterschicht, die Zwillinge haben hart gefärbtes schwarzes Haar und eigenartig geformte Augenbrauen, der Ehemann ein schmutziges T-Shirt mit dem Tourneeplan von Metallica. Sie lieben Karina, sie stehen da und können kaum fassen, was da passiert.

Ich kämpfe den ganzen Nachmittag mit Karina, sie kann kaum Sauerstoff aufnehmen durch die entzündeten, verschleimten Lungen, der Blutdruck ist kaum noch zu halten, wir injizieren Methylenblau und erreichen damit eine kleine Verschnaufpause, wir infundieren mehr Flüssigkeit, mehr Methylenblau. Karinas Beine sind blau, sie produziert keinen Urin mehr, die Nieren sind schon geschädigt. Gegen Abend müssen wir einsehen, wir verlieren den Kampf, wir können keine Ventilation, keine Sauerstoffzufuhr und keinen Blutdruck mehr aufrechterhalten. Björn ruft im ECMO-Zentrum der Stadt an – ECMO; extra corporal membrane oxygenation, die Herzlungenmaschine im Intensivbereich. Wenn wir die Lungen ausschalten können, deren Funktion übernehmen und ihnen damit eine Chance geben können, auszuheilen, hat Karina vielleicht noch eine Chance.

Ich habe die ganze Schicht noch nichts gegessen – ich treffe im Flur auf Karinas Familie, als ich gerade ein Käsebrot aus der Patientenküche verschlinge, ich versuche zu erklären, was da für ein Team auf dem Weg ist und dass jetzt nicht mehr viele Chancen bleiben, und dass dieses Käsebrot das erste ist, das ist seit vielen Stunden esse. Wir bereiten alles vor – Antibiotika, noch einen arteriellen Zugang, noch einen zentralen Venenkatheter, wir bestellen Blut und Plasma und fangen an zu transfundieren, viel Plasma, eine Einheit nach der anderen. Ich habe schon seit einer Stunde Schluss, kann aber jetzt nicht gehen. Das ECMO-Team trifft ein, mit einer Spezialbahre, mit fünf Reisekoffern auf Rollen, der ECMO-Maschine – aber da: Karina ist etwas stabiler, wir können die Dosis des Noradrenalins senken, Karina stabilisiert sich. Unsicher geben wir noch mehr Plasma, und Karina rappelt sich auf, so etwas hat keiner von uns je gesehen, was ist jetzt hier passiert?!?

Das ECMO-Team entscheidet, nicht aktiv zu werden, weil hier gerade eine Wende zum Guten stattfindet, empfiehlt aber acht Gramm Meropenem, ein Antibiotikum. Moment mal, ich frage nach, ACHT GRAMM? Wirklich ACHT? Ja. Meine Hände zittern, mir erscheint das wie eine tödliche Dosis, aber Karina spricht darauf an – auf so etwas kommen auch nur die Cowboys vom ECMO-Team!

Ich bin um Mitternacht zuhause, erschöpft.

Karina ist am nächsten Morgen stabiler. Wir ringen weiter, wir starten die Dialyse, Karina wird tracheotomiert, die ganzen kleinen und großen Rückschläge, ich treffe Karinas Familie auf dem Flur, ich reiche Taschentücher, ich halte Tobias, ihren Mann, in den Armen in seiner Verzweiflung,  ich spreche am Telefon mit Karinas jüngster Tochter, die ein eher distanziertes Verhältnis zu ihrer Familie hat, sie schluchzt, ich versichere wieder und wieder, dass hier keiner daran zweifelt, dass sie ihre Mutter liebt, auch wenn sie weniger hier ist als ihre Schwestern, ich prime wieder und wieder Karinas Dialyse, ich unterstütze Kollegen, die die Verantwortung für Karina haben. Karina hat große Wunden an den Füßen von der mangelnden Sauerstoffversorgung der ersten Stunde, die jeden zweiten Tag verbunden werden müssen.

Karinas Trachealkanüle wird entfernt. Am nächsten Tag, beim Neustart der Dialyse, ein kurzer Zusammenbruch der Zirkulation, Karina kollabiert, muss wieder tracheotomiert werden, ein gigantischer Rückschlag, sie ist wieder sediert, wir stehen wieder auf Null. Am nächsten Tag wollen wir die Notfallkanüle wechseln, wir sind vorbereitet, der Notfallwagen im Saal, die Kanüle an ihrem Platz – da sinkt der Blutdruck auf 45/25, Björn schreit Anweisungen und beginnt mit Herzlungenwiederbelebung, der Alarm schrillt durch die Station,  ich versuche die Ampulle mit Adrenalin aus dem Notfallwagen aufzukriegen, sie ist in eine extra Plastikverpackung eingepackt, die ich nicht aufkriege, ich breche die ganze Sache in der Mitte durch und ziehe in einer Spritze auf, was noch in der zersplitterten Ampulle drin ist, und klettere mit den Knien auf das Bett, an Björn vorbei, zum zentralen Venenkatheter, Flo steht da und ventiliert, die Kollegen strömen ins Zimmer – und Karina steigt im Blutdruck. Keiner von uns kann richtig erklären, was da gerade passiert ist, wir stehen nur da und sehen einander an, und Björn meint trocken, ja, sie hat wohl wirklich neun Leben…

Karina war noch viele Wochen bei uns, und obwohl ich nicht mehr so sehr in ihre Pflege involviert war, traf ich doch täglich diese gequälte Familie, und dann schaffte Karina die Verlegung auf die Infektion. Kaum zu glauben, die ersten Tage bangten wir, dass sie zurückkommt, aber drei Wochen später hieß es, Karina ist in der Reha.

Und heute kam Karina wieder zu uns, ich hatte sie nicht erkannt. Immer noch im Rollstuhl, die Wunden an den Füssen sind noch nicht verheilt, aber sie spricht, sie antwortet, sie scheint keine Schäden davongetragen zu haben. Ihre Töchter sind still, unruhig in auf dieser Station, die so viele Erinnerungen für sie hält. Aber Karina hat es geschafft, und heute freue ich mich nur über diesen Ausgang!