Die Großzügigkeit im Gesundheitswesen

Als Krankenschwester im öffentlichen Bereich hat man den knickrigsten Arbeitgeber, den es gibt. An allem wird gespart.

Am Kühlschrank hängt ein Zettel, dass die Milch, die vom Arbeitgeber bezahlt wird, nur für den Kaffee verwendet werden darf – es kam nämlich vor, dass Kollegen die Milch für Cornflakes und Müsli genommen haben. Nun ja, immerhin bezahlt meine Klinik den Kaffee, es gibt auch Stationen, wo man für den Kaffee aus eigener Tasche bezahlen muss.

An unseren Ausbildungstagen gibt es Frühstück – eine halbe Semmel mit einem Salatblatt und einer Scheibe Schnittkäse (das ist nicht mal eine Käsesorte, das ist nur „Schnittkäse“) für jeden.

An einem früheren Arbeitsplatz wurden wir verdächtigt, Klopapier zu klauen, weil der Verbrauch so hoch war. Der Einwand, dass das vielleicht etwas über unseren Lohn aussagen könnte, wenn das Personal tatsächlich Klopapierrollen von der Arbeit nach hause schmuggeln sollte, fiel nicht auf gute Erde.

Eine Kollegin zieht in eine andere Stadt, der Liebe wegen. Ute hat mehr als 15 Jahre Erfahrung als Intensivschwester, trotzdem bietet man ihr ein niedrigeres Gehalt an – bei einem unendlichen Pflegenotstand.

Mir wurden einmal vier Überstunden nicht bezahlt, von 21:00 bis 01:00, vier Stunden harte Arbeit im Traumasaal, mit einem Traumafall, der jenseits von Gut und Böse war. Der Grund? Die Überstunden waren nicht von der richtigen Person genehmigt worden, sondern nur vom Traumaarzt, der in dieser Nacht die medizinische Verantwortung hatte.

Gina und ich dürfen einen Universitätskurs in einer 70 km entfernten Stadt besuchen – Vertiefungskurs in der Intensivmedizin. 9 Monate lang, jeden Monat drei Tage. Die Tage werden uns als Arbeitsstunden bezahlt, die Zugfahrten bezahlen wir aus eigener Tasche.

Der Abschuss diesen Monat – ich darf einen Kurs in einer Stadt besuchen, die ca 200 km entfernt liegt. Zwei Tage im Februar, zwei im April. Das ist mein Spezialgebiet, ich bin die einzige in der ganzen Klinik, die diese Kompetenz besitzt, und sie kommt der ganzen Klinik zugute. Zugfahrt und Hotel werden bezahlt, und ich war so froh, das passiert so selten – bis ich zwei Tage vorher die Reiseunterlagen bekam. Das Hotel, das mir gebucht wurde, kostete 49 Euro die Nacht, Frühstück inklusive (!), das billigste Zimmer der ganzen Stadt. Das Hotel sah aus, als würden die Zimmer stundenweise vermietet. In einem Zimmer, das wohl die Rezeption darstellen sollte, zwei schmierige Männer, einer im Unterhemd. Das Zimmer ein kalter, zugiger, großer Raum mit einem schmalen Bett, sonst nur ein Tisch. Toilette und Dusche im Flur. Überall Schmutz und Staub. Morgens ein Blick in den Frühstücksraum – nein danke.

Für April habe ich selber ein Hotelzimmer gebucht, ist mir egal, ob ich für die gesamten Kosten selber aufkommen muss. In diesem miesen Loch schlafe ich nie wieder.

Ich habe einer Freundin, die in einem großen Konzern Marketingchefin ist – und ich staune immer wieder darüber, wie großzügig der private Sektor seinen Angestellten gegenüber ist. Firmenwagen, ein BMW natürlich, Reisezuschlag, immer ein Hotel im 3-5 Sternebereich. iPad und Mac stehen bei ihr zuhause, alles vom Arbeitgeber bezahlt.

Da könnten unsere Arbeitgeber eine Menge lernen…

4 Gedanken zu „Die Großzügigkeit im Gesundheitswesen

  1. Jens

    Hallo Elena, das was du schilderst (und nicht nur in diesem Beitrag) hat mich bewogen, der Pflege den Rücken zu kehren. Die inakzeptabel niedrige Wertschätzung (und nicht nur was da geld angeht, wer finaziell motiviert st geht ja gar nicht in den Sozialsektor), diese ungeheuer grosse Schere zwischen selbstverständlich erwarteter Arbeitsleistung, hoher Verantwortung und mangelnder Anerkennung – ich habe für mch die Reissleine gezogen.
    Jetzt arbeite ich als Ausbilder für Erste Hilfe – noch nicht mal ein Lehrberuf. Mit 50-100€ weniger im Monat. Mit einem Chef, der, wenn ich über 30 Überstunden komme nervös wird. In einem Beruf, der mich erfüllt, mir Freude bereitet und in dem ich einen Sinn finde.
    Mich erfüllt tiefe Wertschätzung für alle, die einem Beruf treu bleben können, der derart grosse Klüfte aufweist wie der Pflegeberuf.

    Jens

    1. Schwester Elina Artikelautor

      Ich verstehe deine Entscheidung und deine Gefühle sehr gut – aber es ist doch unendlich traurig, oder?

      1. Jens

        Definitiv traurig. Drei Jahre Ausbildung, X Stunden Fort- und Weiterbildung, X plus Xhoch2 an privat investierter Zeit um noch ein bisschen fitter zu werden…

        Und je länger (mittlerweile knapp drei Jahre) ich ausgestiegen bin desto sicherer bin ich mir dass es a) die richtige Entscheidung war und b) ich in meinem alten Beruf ziemlich gut war…

        Jens

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