Die Verlierer der Notaufnahme

Gestern habe ich über den täglichen Wahnsinn in der Notaufnahme geschrieben, über Hypochonder und Menschen, die dort einfach nichts zu suchen haben. Ich kann nicht abstreiten, dass diese Leute mich wütend machen. Wütend macht mich das mit auch für eine andere Gruppe Menschen: die wirklichen Verlierer der Organisation der Notaufnahme.

Lisa ist 24 Jahre alt und seit sechs Monaten approbierte Krankenschwester. Voller Enthusiasmus hat sie den Job in der Notaufnahme angefangen. Vom Enthusiasmus der frisch Examinierten ist inzwischen wenig übrig – Lisa kann nachts nicht schlafen, hat jeden Tag das Gefühl, schlechte Arbeit zu leisten, mit nichts fertig zu werden, keinem Patienten wirklich gerecht zu werden. Sie findet, sie lernt nichts, kämpft nur darum, den Kopf über Wasser zu halten. Lisa kann vieles noch nicht (was ganz normal ist), und die Anforderungen sind zu hoch – die vielen gestressten Ärzte, die ihr unverständliche Anweisungen zurufen, 18 Patienten und keinen Überblick, keine Kontrolle, keine Unterstützung durch erfahrenes Personal an ihrer Seite. Lisa ist entmutigt, zeitweise verzweifelt, ständig den Tränen nahe. Lisa überlegt, ob sie vielleicht Schlaftabletten auf Rezept ausgeschrieben bekommen kann, weil die Schlafstörungen sie ungeheuer belasten. Lisa fragt sich, ob die Berufswahl falsch war, ob sie etwas anderes machen soll, und macht sich krank vor lauter Sorge, das Studium, das Studium, das drei Jahre gedauert hat, das Darlehen, das zurückbezahlt werden muss, die Energie, die Zeit, die da investiert wurde, und jetzt ist alles nur falsch, und Lisa fühlt sich wie eine Versagerin.

Lisa ist die Tochter meiner Kollegin Christine, die bei uns Schwesternhelferin ist. Auch Christine ist verzweifelt, und ich höre seit Jahren von Lisa, die mit dem Beruf ihrer Mutter aufgewachsen ist, die schon als kleines Mädchen immer Krankenschwester werden wollte, die so begeistert war, ich hab die Bilder gesehen von Lisas Examensfeier – und jetzt darf ich hören, wie Lisas Traum in die Brüche geht, weil die Organisation versagt, weil wir unerfahrene Krankenschwester rausschicken in die härtesten Bedingungen, mit miserablem Lohn, ohne Anleitung, ohne Intro-Programm, ohne Hilfe, und so tun, als wären sie nur Wegwerfartikel.

Hilde ist auch eine Verliererin. Hilde ist 70 Jahre alt, vor sechs Monaten wegen Eierstockkrebs operiert, jetzt in der Chemotherapie. Hilde kam gestern Abend gegen 18:00 in die Notaufnahme, mit Fieber und dem Gefühl, da ist eine Infektion im Gange. Die Chemotherapie schlägt das Immunsystem an, Infektionen sind häufig und gefährlich.

Als Hilde auf die Intensivstation kommt, sind 14 Stunden vergangen. Hilde verbrachte 14 Stunden in der Notaufnahme, auf einer harten Bahre im Flur. Hilde hat gewartet, stundenlang, auf die Schwester, auf den Arzt, aufs Röntgen, wieder auf die Schwester, auf die Medikamente, auf das Antibiotikum, das sie nach skandalösen acht Stunden erst bekam, auf das Labor, auf ein Glas Wasser, auf jemand, der ihr auf die Toilette hilft. Hilde weint, als sie zu uns kommt, vor Erschöpfung, vor Schmerzen, vor Elend. Sie kann kaum noch liegen, so weh tut ihr Rücken. Sie hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Sie muss auf die Toilette. Hilde ist septisch, der Blutdruck liegt tief, Hilde ist dehydriert und braucht Flüssigkeit, und alles ist viel schlimmer, als es hätte sein müssen – hätte Hilde nicht mit 100 anderen um Aufmerksamkeit ringen müssen, von denen 50 % gar keine gebraucht hätten, hätte ein Arzt 20 Minuten Zeit gehabt, um die Diagnose Lungenentzündung zu stellen, dann hätten wir diese Katastrophe vermeiden können, aber jetzt ist es zu spät. Hilde muss eine Stunde später intubiert werden, die Sepsis ist manifest, und der Ausgang äußerst ungewiss.

Und ich? Ich trinke meinen Kaffee, bevor ich mich nach der Schicht auf den Nachhauseweg mache, und ich fühle mich ohnmächtig, wütend, erschöpft, resigniert.