Du fehlst mir

Ich schreibe immer über Björn, und das ist eigentlich gar nicht so geplant. Björn ist einfach der Arzt, der den größten Abdruck und Eindruck hinterlässt, Björn, der so viel Platz einnimmt, so charismatisch und enigmatisch ist, der alles durchdringt und immer überall sichtbar ist, diese farbenschillernde Persönlichkeit, die mich zum Leuchten bringt und mich jeden Tag aufs Neue herausfordert, immer Herausforderung zwischen uns, immer an der Grenze, immer Dissonanzen und doch Einklang, immer voller Spannung, Vertrautheit, Spannung, Konflikt, Diskussion, Verständnis und Ungeduld – diese eigenartige Freundschaft zwischen uns, die sich über Jahre entwickelt hat. Wir sind Gegenpole, Björn und ich.

Ich schreibe nie über Matthias, der so anders ist und mir so nahesteht, auf eine ganz andere Art und Weise. Matthias ist genauso gepolt wie ich, niemals auch nur der Hauch einer Spannung zwischen uns. Matthias ist still und bescheiden, ein brillanter Arzt, ein Kliniker, Intensivarzt. Ungeheuer kompetent und geschickt, immer ruhig, immer gelassen, immer professionell – um uns schrillen Alarme, jetzt gilt alles, und Matthias steht im Auge des Sturmes und ist genauso ruhig, als würden wir gerade einen Kaffee trinken. Matthias kommt wie ich aus Deutschland, wir haben beide am selben Tag auf dieser Station angefangen, waren neu, lernten alles gemeinsam kennen, nahmen unseren Platz in der Hackordnung ein. Allein aus demselben Land zu kommen, eine fremde Sprache zu sprechen ist im Ausland etwas, das sofort verbindet, aber ich glaube, es hat über ein Jahr gedauert, bis wir Deutsch miteinander gesprochen haben, wir bewegen uns in unserem gesamten Kontext in einer anderen Sprache, ich kann den Beruf auch nur in dieser Sprache. Wir sprechen nur Deutsch, wenn wir über private Dinge sprechen, ansonsten passen wir uns an. Matthias lacht manchmal über meinen süddeutschen Dialekt (was ist falsch daran, einen Wagen als Wägele zu bezeichnen? Eine Karte ist natürlich ein Kärtle, und eine Schachtel klingt nach etwas sehr Unhandlichem – das Wort Schächtele trifft es doch viel besser!), und immer, wenn etwas nur uns gilt, fallen wir ins Deutsche, unsere private Sprache, unsere Sprache.

Matthias ist der stille Arzt, der unermüdlich arbeitet, ohne einen Blick auf die Uhr, Matthias ist der Arzt, der seinen Primärarzt zum Schlafen schickt und selber weiterarbeitet, Matthias ist der, der alle sieht und niemand vergisst. Matthias leuchtet nicht, aber Matthias arbeitet immer, stundenlang, ohne zu klagen oder es auch nur zu erwähnen. Matthias übernimmt alle Aufgaben, die sonst keiner machen will, Matthias ist immer da. Matthias macht immer alles gut, für alle. Ich habe Matthias noch nie ungeduldig, gereizt, wütend, kurzangebunden gesehen. Matthias ist immer freundlich, zu allen, von der Putzfrau zum Klinikchef. Matthias ist immer ruhig, egal wie kritisch die Situation ist.
Aber Matthias ist noch mehr – Matthias ist wie eine Armee. Matthias ist der beste Freund, den man nur haben kann, den, den ich auswählen würde, um mit mir in den Krieg zu ziehen. Matthias könnte ich mitten in der Nacht anrufen, und er würde sagen: „Erzähl.“ Matthias’ Tür steht mir immer offen, ich kann ihn jederzeit anrufen, ich brauch nur ein Wort zu sagen und Matthias ist da.

Matthias war der erste, der mich in einer für mich kritischen, klinisch strittigen Situation, verteidigt hat – irgendwann schreib ich das auch noch auf, was da passiert ist. Ich stand auf einmal ganz allein, alle anderen deckten einander, alle waren froh, dass es da vielleicht einen Sündenbock gibt, ich saß eine Stunde in einem verschwitzen Gespräch im Konferenzzimmer mit unseren verantwortlichen Ärzten, versuche zu erklären, warum ich diese Entscheidungen getroffen hatte, alle waren gestresst, und ich dachte nur noch, die hängen mich für das, keiner wird mich hier verteidigen, die werden mich opfern und das zu meinem Fehler machen, obwohl ein ganzes Team beteiligt war und die Komplikation nichts mit meinem Handeln zu tun hatte, ich versuchte die Fassung zu behalten und meine Angst nicht zuzugeben, und fing, sobald ich durch die Tür ging, an zu weinen, gerade als Matthias und viele andere Ärzte vor dem Zimmer standen für die darauffolgende Übergabe. Nur einer von den vielen lief hinter mir her, nur einer fragte, hielt mich fest, legte seinen Arme um mich – Matthias.

Am Tag darauf saß ich mit Matthias in einem schäbigen Zimmer, Kaffee in Pappbechern, draußen regnete es – der einzige, den in dieser Situation anrufen konnte, mit verschwitzten Händen um den Hörer, „ich muss mit dir reden“, und Matthias stand ohne jedes Zögern, ohne Zweifeln neben mir, mobilisierte eine ganze Ärzteschaft, verteidigte mich gegen jeden, der das Wort gegen mich erhob, stellte jeden, der mich anklagte, zur Rede, saß neben mir als mein Verteidiger durch jedes Gespräch und alle Meetings, schwankte nie, immer an meiner Seite, und stellte klar: „You fight with her, you fight with me.“

Matthias ist nicht mehr hier. Matthias zog mit seiner Familie zurück nach Deutschland, vor zwei Wochen. Der Verlust an diesem Tag war fast ein körperlicher Schmerz für mich – Matthias, mein Freund und Gefährte, mein Vertrauter und mein Beschützer, mein stiller Verteidiger, der noch im Untergang zu mir hielt und mir alle Sicherheit gab, die ich da brauchte, ist nicht mehr da. Ich hab mich gefühlt wie ein Kind, das nicht vom Kindergarten abgeholt wurde, und hab geheult an diesem Freitagnachmittag.

Matthias, ich weiß, dass du in den Augen anderer immer nur die zweite Position einnimmst hinter Björn – überall heißt es immer „Björn und Elina“. Ich hoffe, dass du weißt, es ist genauso viel „Matthias und Elina“, und dass es immer unentschieden ist für mich.

Du fehlst mir, Matthias.