Du schaffst das – Simona und ihr Diabetes

Simona kommt nachts um elf zu uns, sie ist 14 Jahre alt und hat seit acht Jahren Diabetes, ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Kinder und Familien sich mit dieser chronischen Krankheit arrangieren können, die moderne Technologie nutzen und sich durch ihre Krankheit nicht beeinträchtigen lassen.

Seit 8 Jahren meistert Simona diese Krankheit, heute die erste Ketoazidose, die hyperglykämische Stoffwechselentgleisung seit der Diabetes-Diagnose. Simona war heute mit Freunden im Kino und hat hinterher ein Bier getrunken, wahrscheinlich trugen die Veränderungen des Körpers in der Pubertät auch dazu bei, und auch, dass Simona in dieser Gruppe nicht so gerne messen und einstellen wollte. Die Pubertät ist eben nicht leicht, besonders für chronisch kranke Teenager.

Simonas Körper kann selbst kein Insulin produzieren, sie ist also völlig abhängig von der Zufuhr ihrer Insulinpumpe. Wenn diese nicht mehr ausreichend Insulin liefert, können die Zellen ihres Körpers keine Glukose und damit keine Energie mehr aufnehmen. Der Körper versucht dann verzweifelt, Energie auf andere Weise zu gewinnen, und baut Fette und Eiweiße ab, was saure Stoffwechselprodukte hinterlässt, darunter auch Ketone, die dem Vorgehen den Namen geben. Die Ketoazidose führt unbehandelt schnell zur Bewusstlosigkeit und zum Tod.

Simona kommt zu uns mit ihren Eltern, ihr ist übel, sie erbricht sich. Zum ersten Mal seit acht Jahren zeigt das Blutzuckermessgerät „HHH“ an, „high high high“. Simonas Blutzucker liegt auf 800, viel zu hoch, die Glukose verbleibt im Blut, weil sie nicht aufgenommen werden kann. Die ganze Familie ist verzweifelt – seit acht Jahren ringen Simonas Eltern um ein normales Leben, Kontrolle der Krankheit, Simonas Selbstständigkeit. Heutzutage gibt es viele Hilfsmittel für ein Leben mit Diabetes. Simona hat eine Insulinpumpe in ihrer Lieblingsfarbe Lila, die über einen Sensor spürt, wenn ihr Blutzuckergehalt zu tief sinkt, und dann die Infusion abbricht, einen kontinuierlichen Blutzuckersensor, einen kleinen Knopf am Oberschenkel, den sie nur abscannen muss, um ihren Blutzucker zu messen, was den Stich in die Fingerkuppe inzwischen fast unnötig macht, ein Insulin- und Messkit, auch in Lila, Kleidung mit eingenähten Taschen für die Pumpe, ein App auf dem Smartphone, das mit dem Smartphone ihrer Eltern synchronisiert ist, und ich bin immer wieder beindruckt, welche technischen Möglichkeiten es inzwischen gibt, diesen Familien das Leben zu erleichtern! Simona hat sogar Dino, einen Diabeteshund, der an ihrer Ausatmungsluft erkennt, ob sie zu hoch oder zu tief in ihrem Blutzucker liegt und sie warnt.

Mit diesen Hilfsmitteln lebt Simona ganz normal – sie trainiert Gymnastik und Leichtathletik, sie fährt Ski und schwimmt, sie war im Sommer im Sprachcamp in England, sie kann die Krankheit allein managen. Nur heute Abend eben nicht… Simona bekommt eine Insulininfusion und Glukose, wir senken den Blutzucker langsam, sie bekommt eine Kaliuminfusion, weil der Kaliumgehalt im Blut gefährlich absinken kann, und wir sitzen mit der ganzen Familie zusammen und versuchen, das ins richtige Licht zu rücken. Seit acht Jahren Erfolge, und jetzt die harte Erinnerung daran, dass Simonas Krankheit gefährlich ist. Wir fangen Ängste auf – das passiert in der Pubertät schon mal, der ganze Körper verändert sich, das ist nichts ungewöhnliches. Simona ist schwer geknickt und ganz unglücklich, dass ihr das passiert ist, und wir versuchen, Mut zu machen, ihr schafft das doch so toll, seit acht Jahren, einfach nur fantastisch. Eine so tolle Familie, ein so tolles Mädchen!

Simona schläft gegen zwei Uhr ein, wir überwachen sie, alles sieht gut aus. Ich denke an die Klassenkameradin meines Vaters, von der er mir erzählt hat, Diabetes in den 60ern, als es noch keine Möglichkeit gab, den Blutzucker zu messen, die einmal täglich von einer Dorfkrankenschwester eine festgelegte Dosis Insulin bekam, und mit 16 Jahren starb. Wir sind so weit gekommen mit dieser Krankheit, und Simona, ich hab nicht den kleinsten Zweifel daran, dass du das schaffst!