Enja – Gewalt, Wut und Ohnmacht

Enja ist eine der Patientinnen, an denen ich verzweifeln könnte. Enja ist 58 Jahre alt, Alkoholikern, arbeitslos. Enja ist Diabetikerin Typ 1 und hat einen leichten Hirnschaden nach einer Episode mit zu niedrigem Blutzucker. Enja wohnt mit ihrem Mann, der ebenfalls Alkoholiker ist, in einem schäbigen Vorort im Süden der Stadt.

Enja kommt immer mal wieder nach einer Überdosis Insulin, muss dann auf die Intensivstation, wo wir Glukose verabreichen und den Blutzuckergehalt genau messen und beobachten können.

Enja hat getrunken und hat ein blaues Auge, beim Ausziehen der Kleider entdecke ich große blaue Flecken auf den Innenseiten der Oberschenkel. Blaue Flecken an den Handgelenken. Auf meine direkte Frage, was passiert sei, antwortet sie nicht. Ein Nicken meinerseits bedeutet Enzo, der mit mir arbeitet, den Raum zu verlassen. Enja und ich sind allein. Ich frage, ob sie jemand geschlagen hat. Sie nickt. Wer? Ihr Mann. Heute? Ja. Und die blauen Flecken? Gegen ihren Willen? Ja, flüstert sie. Will sie Anzeige erstatten? Nein. Die Vergewaltigung dokumentieren? Nein. Darf ich die Polizei rufen? Nein. Will sie mit einer Sozialarbeiterin sprechen? Nein.

Ich verliere da den Mut. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich weiß nicht, wie ich Enja helfen soll. Wir beide befinden uns in verschiedenen Welten hier. Alle meine Lösungen gelten in Enjas Welt nicht, sie funktionieren dort nicht.

Ich spreche mit meinen Ärzten. Ein Achselzucken, ein schiefes, trauriges Lächeln – wenn sie nicht will, dann geht es nicht. Auch in Enjas Fall gilt die Schweigepflicht. Wir haben alle schon zu viele Frauen gesehen, die die Anzeige verweigern. Und wenn sie es nicht wollen, sind uns die Hände gebunden. Sagt die Frau nicht aus, ist alle Mühe vergebens. Sprich nochmal mit ihr, ansonsten, mach einen Vermerk in der Akte, dokumentiere so genau, wie es geht, mehr kommt von den Ärzten nicht.

Ich werde wütend – auf Enjas Mann, auf alle Männer, auf die Ärzte. Eine hilflose, verzweifelte Wut, in der meine Stimme schrill wird – geht rein und sprecht mit ihr! Das ist doch auch eure Patientin, warum soll ich das alles machen? Vielleicht könnt ihr sie überzeugen! Irgendwas Besseres müssen wir doch anbieten können, als nur zu dokumentieren, jetzt, 2017, in diesem Land, irgendwas müssen wir doch für diese Frau tun können!

Zwei Ärzte, Philipp und Christoph, sprechen mit Enja. Enja spricht nicht mit Männern, sie sagt, sie sei die Treppe runtergefallen. Na, das war es wohl dann. Morgen kommt noch der Psychiater, Philipp verspricht mir, dass er sichergehen wird, dass es eine weibliche Psychiaterin sein wird. Aber ich mache mir keine Hoffnungen.

Ein paar Stunden später sitzen Christoph und ich auf dem Sofa im Personalzimmer, und Christoph meint, was soll sie denn machen? Das ist wahrscheinlich die sicherste Beziehung, die Enja kennt. Was bleibt ihr anderes übrig – keine Ausbildung, unterdurchschnittliche Intelligenz – wie soll sie sich denn versorgen? In dieser Beziehung lebt sie so sicher, wie sie es nur kann. Er versorgt sie, er kauft den Alkohol, sie wohnt in seiner Wohnung. Und dann, ab und zu, schlägt er sie eben. Für sie ist das wahrscheinlich eine völlig akzeptable Beziehung.

Und ich wünschte, ich könnte das irgendwie verändern, ich wünschte, ich könnte Enja eine Alternative bieten, und ich kann es nicht.

Enja kommt alle 2-3 Monate zu uns, immer mit der gleichen Überdosis Insulin. Enja nimmt ihre Überdosis Insulin, wenn sie 1-2 Nächte von zuhause wegmuss. Und da sie konsequent die Anzeige verweigert, und jedes Mal nach der Entlassung zu ihrem Mann nach Hause fährt, anstatt Hilfsangebote wahrzunehmen, ist alles, was wir ihr geben können, medizinische Versorgung, Sicherheit für ein paar Stunden, ein bisschen Zuwendung, Freundlichkeit. Dann fährt sie wieder nach Hause.

Und ich sitze stumm mit meinem Kaffee im Personalzimmer, schlucke an meinen Tränen und meiner Hilflosigkeit, fühle mich ohnmächtig, klein und unfähig, als hätte ich sie im Stich gelassen, und kann trotzdem nichts, aber auch gar nichts tun.