Entscheidet ihr…

Tamara ist 32 Jahre alt. Sie liegt bei uns mit einer schweren Sepsis, jedes Organ versagt. Tamara ist schwer drogensüchtig, seit vielen Jahren, und hat sich in ihrer Verzweiflung zu Pulver gemahlene Ritalintabletten in die Halsvene injiziert.

Die Infektion sitzt auf den Klappen des Herzens,und Tamara hat keine ärztliche Hilfe gesucht, als sie sich krank fühlte. Erst,als sie im septischen Schock zusammenbrach, kam sie ins Krankenhaus. Es läuft das volle Programm, Intubation, Beatmung, Dialyse, die Nieren, die Leber versagen, Gerinnungsstörungen, unzureichende Durchblutung, Tamaras Beine wurden in der kritischen Phase nicht mit Blut versorgt und sterben ab, Blasen bilden sich auf der Haut, die Zehen, die Füße wurden erst blau, jetzt sind sie schwarz und vertrocknet.

Tamara hat drei Kinder, die alle schon lange bei Pflegefamilien wohnen, sie hat ein einstweiliges Besuchsverbot, weil alle Besuche in einer Katastrophe endeten, wie bei dem, als Tamara, die schrie und weinte, ihre dreijährige Tochter packte und versuchte, zur Bushaltestelle zu rennen, ein Heer von Pflegeeltern und Sozialarbeitern hinter sich, verstörte, verzweifelte, weinende Kinder, eine emotionale, instabile leibliche Mutter. Tamara hat eine Mutter, die nur bei uns zu Besuch kommen darf, wenn sie nicht zu betrunken oder high ist, Tamara hat eine Schwester, die deutlich gesagt hat, sie möchte von nichts wissen, es interessiert sie nicht. Tamara hat Hepatitis B und C und ist positiv für HIV, ihre Arme und Leisten sind völlig vernarbt von den intravenösen Injektionen, die sie sich selbst verabreicht hat, unmöglich, da noch ein Gefäß zu finden.

Tamara wird sterben, denn die Bakterien haben ihre Herzklappen weggefressen. Das Einzige, was sie retten könnte, wäre ein thoraxchirurgischer Eingriff, bei dem das Brustbein aufgesägt, Tamara auf die Herz-Lungenmaschine gelegt, das Herz gestoppt und ihre eigenen Herzklappen mit biologischen oder mechanischen Klappen ersetzt werden. Ein gigantischer Eingriff, der mindestens sechs Monate Reha erfordert und lebenslange Compliance und Kontrolle.

Keine thoraxchirurgische Klinik im ganzen Land ist gewillt, diesen Eingriff möglich zu machen. Alle lehnen ab – die Chancen, dass der Eingriff gelingt, sind schon gering genug, und die lebenslangen Kontrollen und Mitarbeit werden Tamara aufgrund ihrer Anamnese nicht zugetraut. Alle haben zu wenig Ressourcen, um Tamara diese Operation zu ermöglichen, alle haben zu viele Patienten und zu wenig Möglichkeiten. Tamara wird sterben, in ein paar Tagen nur.

Und ich stehe da und genieße einmal den Luxus, keine Meinung haben zu müssen, denn ich will mich nicht entscheiden in diesem Fall. Manchmal treffe ich auf Fälle, zu denen ich keine Meinung haben will und die Entscheidung anderen überlasse. Manchmal ist es verdammt schön, dass andere entscheiden müssen.