Erfolgserlebnisse

Immer schön, wenn man Kollegen zu einer lehrreichen Erfahrung verhelfen kann, auch in Situationen, die heute für mich basic und kaum der Rede wert sind. Es tut einem gut, sich daran zu erinnern, dass das auch bei einem selbst nicht immer so war.

Es ist halb drei und plötzlich eilt Flo an mir vorbei, winkt den Medizinstudenten eifrig zu – wenn Flo eilt, dann tut man als Koordinator gut daran, ihm zu folgen, irgendetwas passiert jetzt. Flo? Flo!!

Er ruft begeistert, „wir extubieren jetzt!“. Okay, das ist mir neu, wen den? Es war heute nie die Rede davon, den Patienten auf Zimmer 1 zu extubieren, der ist seit fünf Tagen hier und nach einer schwierigen Intubation immer noch etwas geschwollen im Mund und im Rachen, wie die Stimmbänder aussehen, wissen wir nicht. Flo!!

Ich eile hinterher, fange im Vorbeilaufen noch Björns Blick durch die Glasscheibe zum Ärztezimmer auf, er zieht die Augenbrauen hoch, ich hebe den Zeigefinger zu einer 1, er nickt.
In Zimmer 1 Laura, erst seit zwei Monaten Intensivkrankenschwester. Laura ist sehr unsicher und braucht viel Bestätigung, lässt immer schnell ab, wenn sie glaubt, etwas nicht zu können. Flo erklärt, ich helfe Laura, alles vorzubereiten, „Sauerstoffmaske, Cuffspritze, und dann brauchst du noch einen Guedel, wir nehmen einen gelben, der sieht von der Größe her richtig aus, und einen Beatmungsbeutel, an Sauerstoff angeschlossen“, sie sieht verzagt aus und meint, „mach du’s“, und ich sage „nein, du machst es, ich steh hinter dir“, sie hat rote Flecken am Hals und sieht aus, als würde sie am liebsten in Tränen ausbrechen. Ich erkläre ihr, dass es bei einer solchen Extubation immer gut sein kann, die Notfallmedikamente bereitzuhaben, falls die Stimmbänder geschwollen sind; Flo ruft begeistert „gute Idee, wir holen den Notfallwagen ins Zimmer! Und Medikamente!“.

Die Tür geht auf und Björn schaut ins Zimmer – aha? Habt ihr den Cuff Leak überprüft? Der Patient steht auf Cortison? Notfallausrüstung bereit? Laura cufft den Tubus aus, es pfeift deutlich am Tubus durch die Stimmbänder. Björn meint „okay, macht weiter“, er fängt meinen Blick, zeigt kurz auf die Tür, er wartet draußen. Flo hantiert mit vollen Händen, er ist aufgeregt, das hier ist riskant, und versucht so ernsthaft und geordnet wie nur möglich zu erscheinen. Lauras Hände zittern, sie hält Sauger und Sauerstoffmaske, ist hochrot im Gesicht, Flo zieht den Tubus, und Laura lässt vor Aufregung die Sauerstoffmaske fallen, ich hebe sie auf und helfe ihr, sie dem Patienten aufzusetzen. Der Patient atmet, hustet, Laura hantiert mit dem Sauger. Für mich ist das fertig, hier passiert nichts.

Flo ist überglücklich, er hört die Lungen ab und ruft, reine Atmungsgeräusche – er strahlt so sehr, dass er nicht mal merkt, dass Björn die Tür einen Spalt öffnet und hereinsieht, Daumen hoch? Ich nicke schnell, hebe die Hand, du kannst gehen, alles okay, und er verschwindet.

„Gut gemacht, Laura!“ Laura strahlt vor Glück, ein wahres Erfolgserlebnis für dieses unsichere Mädchen, und sie meint, „… und ich hab’s ganz allein geschafft!“ Nun ja, das ist Ansichtssache, aber nur wer glaubt, gut zu sein, ist auch gut, sie wird ein, zwei Dinge mitnehmen, und vor allem einen richtigen Boost für ihr Selbstbewusstsein.

Flo aber ist Begeisterung pur – er erzählt allen Kollegen begeistert von seiner geglückten schwierigen Extubation, wir gut er vorbereitet war und den Cuff Leak überprüft hat, bevor er den Tubus zog… Björn und ich sehen einander nur kurz an, ein knappes Lächeln. Weder Laura noch Flo brauchen zu wissen, dass nicht sie, sondern wir die Fäden in der Hand hatten. Das kann man den beiden gönnen, in zehn Jahren stehen sie hoffentlich an unserer Stelle und leiten andere durch eine Situation. Heute gingen beide als Sieger nach Hause.