Fortsetzung folgt?

Stefan ist zwei Monate älter als ich und liegt nach einem Herzstillstand bei uns. Stefans Frau brachte gerade die 10 Monate alte Tochter ins Bett, als sie zurückkam, lag Stefan tot auf dem Sofa. Helena rief sofort den Notruf an und begann mit Herzlungenwiederbelebung, der Notarztwagen traf ein und es dauerte 30 Minuten, bis Stefan wieder einen lebensgebenden Rhythmus hatte.

Bei uns war die Diagnose relativ schnell gestellt – LQTS, long QT syndrome, eine Störung der elektrischen Signalüberführung im Herzen, oft unerkannt, oft symptomfrei, kann aber ventrikuläre Arrhythmien auslösen. Bei Stefan war einfach nie die Diagnose gestellt worden, ein ist ein junger, scheinbar gesunder Mann, der nie was hat, nie zum Arzt geht, schon gar nicht, um sich auf ein Herzproblem checken zu lassen.

30 Minuten ist lange, auch bei jungen Menschen. Keiner weiß, ob Hirnschäden vorliegen, Stefan ist tief sediert, der Respirator atmet für ihn, auf dem Überwachungsschirm Kurven und Ziffern, überall Schläuche, Infusionen, Kabel, alles, was wir kontrollieren und steuern können, wird überwacht, geprüft, justiert und wieder überprüft, wir versuchen, die Sekundärkomplikationen zu minimieren. Helena steht mit ihrem Baby auf dem Arm im Flur, sitzt in Gesprächen mit den Ärzten, während Saskia, meine Kollegin, ihre Tochter Lisa unterhält. Das sind so unermesslich fürchterliche Stunden, die eine Familie da durchleidet.

Stefan bekommt, wie die meisten Patienten auf der Intensivstation, eine Lungenentzündung. Aber er wird schwerkrank, septisch, am Nachmittag steigt seine Temperatur innerhalb einer Stunde auf 41,7 Grad! Der Blutdruck wird künstlich hochgepeitscht, wir kühlen Stefan mit einem Kühlanzug, mit Kühlaggregaten, mit in Alkohol getränkten Handtüchern. Die Antibiotika werden gewechselt, hohe Dosierung mit zwei Breitspektrumantibiotika. Es ist ein Kampf gegen die Uhr, gegen Stefans Körper, der seine Funktionen nicht mehr steuern kann. Bei 41,7 bleibt die Temperaturüberwachung stehen und wendet, Stefan ist heiß, wenn man neben ihm steht, kann man die Wärme spüren. Ich rufe Helena an, die mit ihrer Tochter zuhause ist, schweren Herzens, das sind schlechte Nachrichten, Stefan ist septisch, sein Körper steht kurz vor dem Kollaps, wir haben die Infektion nicht unter Kontrolle. Helena kommt mit Stefans Eltern abends wieder in die Klinik, wir berichten, während Lisa mit einer hässlichen, nackten Puppe spielt, die in unserer Kinderschachtel liegt. Wir haben eine kleine Schachtel mit abgelegten Spielzeug für Kinder, für so etwas gibt es kein Geld, und es ist einfach nur peinlich.

Nach nur 12 Stunden die Detektion von Serratia in den Blutkulturen. Stefan hat eine Blutvergiftung, und das ist schlimm, denn bei Serratia steht fest: Dieses Bakterium haben wir übertragen. Das sind Bakterien, die gerne in feuchtwarmen Umgebungen wachsen, oft in Badezimmern, das ist nichts, was Stefan mitgebracht hat.

Schlimme Tage für die Familie, Komplikationen, Gerinnungsstörungen, aber Stefan wacht auf, scheinbar ohne Beeinträchtigungen. Ein Mann in den 30ern schafft eben einiges, was ältere Menschen nicht mehr schaffen. Stefan bekommt einen ICD, einen Implantable Cardiac Defibrillator, der Arrhythmien erkennt und das Herz wieder in den richtigen Rhythmus schockt, und wird entlassen. Zu Weihnachten bekommen wir eine riesige Schachtel Pralinen und eine wunderschöne Karte, in der Stefan, Helena und Stefans Eltern haben alle etwas geschrieben, über ihre Erlebnisse, Gefühle, Gedanken.

Ende gut, alles gut? Leider nicht, vor zwei Tagen wurde Stefan in die Notaufnahme gebracht, zusammen mit einem aufgelösten Paar, einer verzweifelten Lisa – Stefan war mit der Kleinen in der Stadt unterwegs, ist zusammengebrochen, der Kinderwagen mit Lisa rollte die Straße hinunter, das Paar fing Lisa auf, kümmerte sich um Stefan, der wieder zu Bewusstsein kam, rief den Notruf. Der ICD hatte getan, was er tun sollte, und das Herz wieder zurück in Sinus geschockt.

Untersuchungen, Decodierung des ICDs, Stefan ist wieder auf der Intensiv, die Familie, die gerade dabei war, wieder auf die Füße zu kommen, ist wieder bei uns. Unsicherheit, Mutlosigkeit, Verzweiflung. Ich treffe Helena im Flur, Lisa ist gewachsen, kann jetzt laufen, spielt immer noch mit unseren jämmerlichen Spielsachen, Stefan stößt dazu. Wieder diese eigenartige Situation, Stefan kennt mich nicht – ich war nur bei Stefan, als er tief sediert war, habe ihn von Kopf bis Fuß versorgt, mich um seine Familie gekümmert, und Stefan hat mich noch nie gesehen. Stefan sagt, er wird es nicht mehr wagen, mit Lisa alleine zu sein, Helena ist verzweifelt, wir das jetzt immer so weitergehen?

Stefan wird abladiert, d.h. eine zusätzliche Leitungsbahn im Herzen wird verödet. Wir hoffen, dass er nie mehr zu uns kommt, und dass hier keine Fortsetzung folgt…