Fröhliches Betten-Tetris

Erinnert Ihr euch noch an die Computer aus den späten 80ern und frühen 90ern? Zweifarbige Bildschirme, riesig gross der Kasten, drei Spiele auf Disketten. Ich glaube, ich muss 2-3 Jahre meines Lebens mit diesen Spielen zugebracht habe. Meine Fertigkeiten im Tetris kommen mir heute als Koordinator sehr zugute …

Es ist kompliziert. Physische Betten haben wir 26, es sind aber nicht alle offen, wegen Pflegekraftmangel. Ich kann 6 Intensivbetten haben, 7 Überwachungsplätze, und je nach Anzahl der Schwestern 6-11 Herzintensivplätze. Ich kann bei Bettenmangel die Zahl der Intensivbetten bis auf 9 erhöhen, dann verschwindet aber die entsprechende Anzahl Überwachungsplätze. Wir haben auch einen konstanten Strom von ambulanten Eingriffen für Patienten – zentrale Venenkatheter, Pleura- und Thoraxdrainagen, Pericardiozentesen. Ich wünschte, die Station wäre wie Hogwarts – bei Bedarf würde die Station dann einfach größer werden. Die Idee von Liften, die plötzlich wo ganz anders hinführen, ist auch ansprechend …

Es läuft darauf hinaus: Wir haben viel zu wenig Betten im Krankenhaus. Kein Krankenhaus hat bisher mit dem Bevölkerungsanstieg mitgehalten, und es fehlt verzweifelt an Pflegekräften. Wir haben einen hohen Umsatz an Patienten, gerade auf den Überwachungsplätzen und der Herzintensiv. Als Koordinator ist man da den ganzen Tag mit Umschichten beschäftigt, oder eben mit Tetris – der da hin, der von einem Überwachungsplatz auf deinen Herzintensivplatz, den in zwei Stunden auf eine kardiologische Station verlegen, den auf der Notaufnahme erstmal auf einen Intensivplatz, den zentralen Venenkatheter von der 63 auf Zimmer 15, danach nehmen wir die Pleuradrainage von der 83 dran. Ich kann das Korobuschkalied in meinem Kopf hören.

Außerdem habe ich noch die Verantwortung für das Personal, soll in klinischen Situationen beistehen und allen helfen, und soll den Überblick über den Zustand aller Patienten haben. Und jede zweite Woche haben wir dann auch noch die MIG und müssen ausrücken, wenn sich Patienten auf den Stationen verschlechtern.

Das sieht dann so aus: JEDER, der eine Frage hat, ruft mich an. Der Patient aus der Notaufnahme ist da – wo soll er hin? Zimmer 16. Kannst du kommen und die Einstellungen der Dialyse überprüfen? Ja, gleich. Das Medikament Milrinon ist zu Ende. Okay, ich mache eine Akutbestellung. Können wir heute noch einen zentralen Venenkatheter legen? Ja, aber nicht vor 14:00. In der Notaufnahme wartet eine Frau auf eine akute Elektrokardioversion, kann sie hochkommen? Nein, noch nicht. Respiratorische Insuffizienz in der Notaufnahme? Zimmer 2, kann sofort kommen. Der Blutgasapparat analysiert kein Kalium mehr? Ruf im Labor an, du weißt, dass die für den Service zuständig sind. Kann man Phosphat in Glukose mischen? Das könnte man auch selber nachschlagen, aber ja, es geht.

Beliebt sind auch Kollegen, die gerne jede Überlegung und Observation mit mir teilen wollen – ich weiß, ist man unsicher, will man gerne Bestätigung haben, aber hat man eine Schicht mit mehreren solchen Kollegen, wird das unendlich anstrengend, wenn ich ständig Details hören soll, die ich nicht zu wissen brauche, etwa im Stil von „Jetzt habe ich die Morphiumdosis gesenkt und sie fängt an, im Respirator eigene Atemzüge zu triggern“ – ja, das ist normal und war ja auch die Absicht, warum erzählst du mir das?

Gerne werden auch Probleme technischer Natur an mich herangetragen. Das Papier im Drucker ist zu Ende – dann füll es nach. Das Faxgerät ist kaputt – was soll ich jetzt machen? Mach eine Fehlermeldung. Die Bohnen im Kaffeeautomaten sind alle. Aha. Ich frage mich ernsthaft, was dann von mir erwartet wird, soll ich die Seite des kritischen Patientens und der verantwortlichen Krankenschwester verlassen und die Bohnen nachfüllen?

An manchen Tagen surrt einem wirklich der Kopf und ich frage mich, warum für viele Menschen jedes eigene Denken überflüssig zu sein scheint, wenn es jemand gibt, den man anrufen kann…