Häusliche Gewalt = Kavaliersdelikt? Tradition? Ernsthaft?

Ich bin unsagbar schockiert über das, was gerade in Russland geschieht – die Strafen für häusliche Gewalt sollen abgesenkt werden. Wie kann das sein? Häusliche Gewalt ist furchtbar, ich sehe die Folgen bei meiner Arbeit ständig, die Leidtragenden sind fast ausschließlich Frauen und Kinder. Sie brauchen jeden Schutz, der nur möglich ist, und sicher keine Absenkung der Strafen. Künftig soll Prügeln eine Ordnungswidrigkeit sein, belegt mit Geldstrafe, sofern keine im Krankenhaus behandlungsbedürftigen Verletzungen entstehen oder die Misshandlungen mehrmals im Jahr passieren. Ein bisschen Hauen ist also, na ja, irgendwie okay oder nicht so schlimm oder so etwas in der Art. Schläge sind „Teil der russischen Familientradition“ – na wunderbar, da geht es uns doch allen gleich besser damit. Sorry, ein Mann der Schwächere prügelt, ist kein Mann, sondern ein mieser, feiger Schlappschwanz. Kann das ernst gemeint sein? Schätzungen gehen davon aus, dass in Russland alle 40 Minuten eine Frau an den Folgen häuslicher Gewalt stirbt – das ist natürlich eine Situation, in der man das Strafmaß verringert.
In mir schreit alles auf, wenn ich das lese. Vor allem, weil ich diese Woche wieder einen ganz schrecklichen Fall von Misshandlung hatte.


Sie wurde früh morgens, fast bewusstlos und völlig unterkühlt, um viertel nach sieben eingeliefert, von vorbeigehenden Passanten in einem Schneehaufen gefunden. Sie war vergewaltigt, misshandelt, mit Zigaretten verbrannt, und dann, mitten im Winter, von ihrem Ehemann von Balkon geworfen worden. Zwei Kinder waren die ganze Nacht in der Wohnung, als dieser Gewaltexzess vor sich ging.

Einer der grausigsten und beklemmendsten Fälle, die ich je hatte, glaube ich. Die Stille im OP, die grimmig zusammengebissenen Zähne, die steinernen Gesichter, als die Armfraktur fixiert wurde, die gynäkologische Untersuchung, um die Vergewaltigung zu dokumentieren, das Zusammennähen der vaginalen Ruptur, das Fotografieren aller Verletzungen, die Polizei, die draußen wartet.

Und als wir die Narkose abschließen und den Tubus ziehen – sie hustet, wendet sich zur Seite, sieht auf zu uns und flüstert: „Leben die Kinder?“ Ich muss mich kurz abwenden, schlucken, dann, „ja, die Kinder leben, sie sind bei der Polizei, das Jugendamt ist involviert, keine Angst“.
Keine Angst? Ist eher ein Scherz, und das in einem Land, wo Frauenmisshandlung gegen das Gesetz verstößt.

Ja, mag man jetzt sagen, aber SOWAS soll ja in Russland strafbar bleiben. Mag sein. Der Punkt ist, es fängt ja meistens klein an. Und wenn die kleinen Sachen nicht bestraft werden, werden sie oft größer. Wer sagt mir, dass ein Mann, der ungestraft „leicht“ prügeln darf, weil das Gesetz das nicht ausreichend sanktioniert, nicht irgendwann auch so etwas tut?