Ich bleibe bis zum Schluss

Patienten kommen und gehen, aber manche bleiben mir im Gedächtnis, glasklar auch nach Jahren. Sie berühren etwas ganz tief in mir.

Ich kann mich weder an ihren Namen noch an ihr genaues Alter erinnern – ich weiß, dass sie über 60 war und sie an diesem Morgen in die Operationsabteilung der Neurochirurgie kam, mit Gehirnmetastasen nach fünf Jahren Kampf gegen Brustkrebs. Ich weiß, dass ich sie mochte, dass sie sympathisch war, nett, mutig, gut informiert, ich kann mich erinnern, dass alles bereit war für die Narkoseeinleitung und wir auf den Anästhesisten warteten, dass ich neben ihr saß und ihre Hand hielt, als sie von den letzten Jahren erzählt, die amputierte Brust, die Chemo, die Komplikationen, die Einsamkeit, der zermürbende Alltag, die Haare, die nie mehr richtig nachgewachsen sind, der Schminkkurs für Krebspatientinnen, wo sie gelernt hat, sich falsche Wimpern anzukleben, von ihren Ängsten vor dieser Operation – die Brust ist eine Sache, das Gehirn eine andere. Ich versuche, positiv zu sein, Mut zu machen für diesen Eingriff, ich sage, es wird schon gutgehen, wir machen das gemeinsam, ich bin die ganze Zeit hier.

Ich weiß, dass die Operation gut verlief und wir hinterher problemlos geweckt haben, dass sie wach war, dass sie, noch benommen von der Narkose, mit mir sprach auf dem Weg in den Aufwachraum.

Am nächsten Morgen im OP – akute Operation von der neurochirurgischen Intensiv, schnell, akute Blutung im Gehirn. Herein rollt meine Patientin, intubiert, sofort den Schädel öffnen – ich erfahre, dass sie am Vorabend auf der Station bewusstlos wurde und wegen einer akuten Blutung vor 12 Stunden schon operiert wurde, dann auf die Station, und jetzt noch eine Blutung. Die Tür geht auf, zwei Oberärzte kommen herein, erfahrene Chirurgen. Die Entscheidung ist schon getroffen – nach dieser OP gibt es keine mehr. This is it. Wir haben nichts mehr anzubieten nach dieser OP. Da ist schon zu viel kaputt, und zwei akute Blutungen innerhalb von 24 Stunden bei einer krebskranken Frau machen nicht gerade Hoffnung.

Wir bringen sie nach der OP auf die Intensivstation, schweigend, es gibt da nicht viel zu sagen, und ich habe sowieso keine Stimme, habe nicht mitzureden. Als Anästhesie sind hier „service providers“, wir machen die Anästhesie für die bestellenden Neurochirurgen.

Nach meiner Schicht gehe ich auf die Neurointensivstation. Ich frage nach ihr – die Behandlung ist abgeschlossen, der Tubus entfernt, sie liegt in einem Einzelzimmer mit Morphiuminfusion, bewusstlos, sie atmet noch. Die Intensivschwester und ich stehen vor ihrem Bett.

Ich frage nach Angehörigen, nach einer Familie? Nur eine Mutter, und die ist 95 Jahre alt und selbst zu krank, um zu kommen. Ich muss schlucken – und sage mit Tränen in den Augen: „Sie hat noch mit mir geredet, nach der OP, ich dachte, es sei gut gelaufen, ich hab zu ihr gesagt, es würde gutgehen, sie hat noch mit mir geredet.“

Ich dämpfe das Licht, setze mich neben das Bett und halte ihre Hand. Wir machen das gemeinsam, keine Angst, ich bin die ganze Zeit hier. Ich bleibe bis zum Schluss.