„Ich hab ihn provoziert…“

Und weiter geht es mit der häuslichen Gewalt. Catharina ist 32 Jahre alt und wird nach einer Überdosis Paracetamol und Schlaftabletten eingeliefert, ausserdem hat sie 2,0 Promille. Ihr Ehemann hat sie gefunden und den Notarzt gerufen.
Als wir der müden Catharina die Kleider ausziehen, sehen wir die blauen Flecke an den Oberarmen, das große Hämatom auf dem Oberschenkel. Da hat sie jemand getreten, als sie auf dem Boden lag. Ich hab genau diesen blauen Fleck schon viel zu oft gesehen.

Der Ehemann wartet draußen, wir sprechen mit Catharina. Was ist passiert? Kurzschlusshandlung, liegt Suizidabsicht vor? Ich bringe die blauen Flecke zur Sprache, Catharina schweigt und senkt den Blick.

Catharina steht verglichen mit Enja, von der ich kürzlich schrieb, am anderen Ende der Skala. Catharina und ihr Mann wohnen im Norden der Stadt in einem wohlhabenden Vorort, sicherlich in einem Haus. Sie haben zwei Kinder. Ihr Mann hat eine IT Firma, Catharina selbst ist Lehrerin.

Später in der Nacht frage ich sie noch einmal, sie bricht in Tränen aus. Ich hole einen Stuhl und setze mich neben das Bett. Catharina schluckt und schluchzt, erzählt von finanziellen Problemen, ihr Mann steht kurz vor dem Konkurs, von dem Schuldenberg, auf dem sie stehen, von der wachsenden Frustration, der Angst, davon, dass sie mehr und mehr Alkohol trinkt, jeden Abend, von den Streitereien, die immer mehr ausarten, von den Vorwürfen, die hin- und herfliegen. Catharina erzählt von der Angst vor dem sozialen Abstieg, der Fassade, die sie versucht, aufrecht zu erhalten vor Verwandten und Freunden, der Scham des Scheiterns, vor der Panik, die sie überfällt. Sie entschuldigt ihren Mann, er habe gerade so viel Stress, und sie würde ihn provozieren, und dann gerät die Situation außer Kontrolle, das müsse man auch verstehen meint sie.

Anzeige will Catharina nicht erstatten, sie kann sich aber vorstellen, mit einer Sozialarbeiterin zu sprechen. Zumindest ein Lichtschein, denke ich, als ich versuche, dieses Durcheinander zu entwirren und die Probleme ein bisschen greifbar zu machen. Priorität hat jetzt erstmal nur eins: Die Gewalt muss aufhören. Keine noch so schwere Situation gibt ihrem Mann das Recht, handgreiflich zu werden, und ich denke im Stillen, warum sind Frauen immer noch so leichte Opfer? Warum muss man verstehen, dass er zu Gewalt greift, wenn er sich in einer schwierigen Situation befindet? Es gibt da nichts zu verstehen, es gibt keine Entschuldigung dafür, dass ein Mensch zuschlägt, es sei denn er muss ich gegen einen Angriff verteidigen. Er flippt eben aus, aha. Äh, er hat sich aber doch zumindest so weit unter Kontrolle, dass die Misshandlungen sehr verdeckte Spuren hinterlassen, Catharina hat kein blaues Auge, keine Kieferfraktur, sondern blaue Flecke dort, wo man sie mit Kleidung überdecken kann.

Ich verstehe es nicht. Ich verstehe es einfach nicht, warum so viele Frauen ihre prügelnden Männer decken, verteidigen, die Schuld bei sich suchen, stillhalten, abwarten, hoffen, dass es aufhört. Ist es die Angst vor den Konsequenzen, die es nach sich zöge, wenn man sich selber eingestehen würde, hier läuft etwas gewaltig schief und ich muss etwas ändern? Ich laufe in solchen Fällen so oft wie gegen eine Mauer, ich komme nicht durch, und die Frauen gehen mit ihren Männern nach Hause, und ich hoffe einfach nur, dass sie uns nicht irgendwann mal in lebensbedrohlichem Zustand wiedergebracht werden.

Catharina und ihr Mann sind die Gewalt, die in einer besseren sozialen Schicht stattfindet –  für mich weniger existenziell geprägt als von den Erwartungen und dem Druck der Gesellschaft…