Komplettaussetzer

Es ist 21:00, die Nachtschicht fängt an und sitzt in der Übergabe. Ich bin Koordinator und kontrolliere die Akutausrüstung. Wir erwarten einen Patienten mit Lungenembolien von einer medizinischen Station; es klingelt, ich gehe, um zu öffnen. Als ich um die Ecke komme, stehen drei Frauen vor der Tür und hämmern verzweifelt dagegen – ich stelle meine Kaffeetasse auf das Sofa und laufe, Tür auf, einen Blick auf den Patienten und ich glaube, ich hab aufgeschrien, der Patient liegt blau und leblos im Bett.

Sofort Herzlungenmassage, es gibt hier keinen Alarmknopf, den ich drücken kann, und ich kann nicht telefonieren, wenn ich die Hände auf der Brust eines leblosen Patienten habe – ich fluche und weise eine der Krankenschwestern an, auf die Intensiv zu laufen und Hilfe zu holen, und die Ärztin, an die Tür zu klopfen, nein, nicht die, die daneben, ich weiß, Björn ist gerade in seinem Büro, die Ärztin hämmert an seine Tür und er stürzt aus dem Zimmer, von der Station kommen meine Kollegen, Anweisungen werden gegeben, alles, was dieser Trupp hier dabei hat, ist eine Sauerstoffbombe, und eigenartigerweise liegt der Patient auf einem Herzbrett, das die Kompressionen effektiver machen soll, ansonsten haben die nichts dabei, keine Beatmungsmaske, keinen Sauger, nichts – na gut, das haben wir ja alles, aber nicht direkt an der Eingangstür!
Wir holen den „Lukas“, das Gerät, das um den Patienten gespannt wird und mechanische Kompressionen ausführt, ein arterielles Blutgas ist schwierig, ich steche in die Leiste, da irgendwo muss die Arteria femoralis sein, wir spritzen Actilyse, das die Embolien auflösen soll, es ist chaotisch, wir stehen im Flur, und da zwei Schichten anwesend sind, sind wir sehr viele Schwestern, alles wird aus der Station herangekarrt, Sauger, Glidescope, die Intubation ist schwierig und wir brauchen drei Versuche, das Blutgas ist miserabel, wir versuchen, aus dem geschockten Stationspersonal herauszukriegen, wann der Herzstillstand eintrat und wie lange der Patient ohne Zirkulation war. Im Lift hat er gejapst und wurde blau. Na klasse, denke ich, unser Patient stirbt im Lift und wir nehmen das Bett, karren es vor die Intensivstation und klopfen an die Tür…

Wir haben 50 Minuten gearbeitet und niemals einen defibrillierbaren Rhythmus erhalten. Nach 50 Minuten harter Arbeit mussten wir die Waffen strecken. Björn und ich sammeln das Personal, um das geschehene Chaos durchzusprechen, wir gehen den Fall Schritt für Schritt durch, alle dürfen ihre Version erzählen, und dann kommt die Frage, hätten wir etwas anders machen können? Ja, wahrscheinlich, wie immer, wir lernen aus schwierigen Fällen. Ich versuche, das Ganze zusammenzuhalten und jeden zu Wort kommen zu lassen, und denke, eines hätte sicherlich besser sein können, und das war die Ausrüstung und die Reaktion des Stationspersonals – wie kann man einen Patienten ohne Beatmungsmaske, ohne Sauger auf die Intensiv transportieren? Warum haben sie keine Kompressionen angefangen, als der Patient das Bewusstsein verlor, warum erst den Weg bis zur Station gemacht um dort zu klopfen? Und warum haben sie alles wirklich Wichtige vergessen, aber ein Herzbrett unter einen lebenden Patienten gelegt??? Das würde mir nicht mal einfallen, aber ich würde niemals einen Patienten ohne Beatmungsmaske und einer Sauerstoffbombe mit Absaugevorrichtung transportieren.

Der Incidence Report ist geschrieben, mal sehen, ob das was bringt.