Kurz mal innehalten…

Es ist rappelvoll bei uns, die Stationen sind voll belegt, da kommt der Neurologe und will eine Patientin zu uns schicken, die eine Infusion mit Pro-Epanutin braucht, andauernde partielle Krampfanfälle. Wir haben keinen Platz. Die Frau ist eine Neurologiepatientin, liegt aber aus Platzmangel als Satellit in der Frauenklinik. Die Schwestern der Frauenklinik weigern sich, Pro-Epanutin zu infundieren, es kann zu Blutdruckfällen kommen, ein Patient, der Pro-Epanutin bekommt, muss überwacht werden.

Björn und ich improvisieren – wir machen das dort. Ich gehe mit der Infusion und einem kleinen Überwachungsmonitor zur Frauenklinik. Falls etwas auf der Intensiv passiert, übernimmt Björn das, während ich weg bin, und ich rufe ihn an, falls die Patientin instabil wird. In der Gynäkologie treffe ich auf skeptische Blicke, die Schwestern sind überarbeitet, gereizt, empfangen mich mit den Worten, dass sie dafür keine Verantwortung übernehmen wollen. Braucht ihr auch nicht, ich übernehme die Verantwortung.

Ich komme zu Irene, die 88 Jahre alt ist. Irene liegt in einem Dreibettzimmer. Ihre Beine, ihr Mundwinkel zucken. Ich schließe die Saturationsklemme auf ihren Finger, Blutdruckmanschette an den Arm, starte die Infusion. Auf ihrem Tisch zwei Bücher, eines auf Deutsch. Sie erzählt, dass sie 1940 aus Deutschland geflohen ist, in der „dunklen Zeit“, wie sie sagt. Sie kommt aus Berlin. Ich sehe Irene an, welche Schrecken, welche Ängste sie durchlebt hat, bei Nacht und Nebel aus Deutschland geflohen, mit nichts als den Kleidern auf dem Leib, in ein fremdes Land, dort neu angefangen, ein ganzes Leben dort gelebt. Ich sitze neben Irene, die Infusion dauert 20 Minuten, danach muss ich nochmal 20 Minuten warten und den Blutdruck kontrollieren. Ich frage Irene, ob sie möchte, dass ich ihr vorlese, sie nickt und zeigt auf das andere Buch, das mag sie lieber. Ein altmodisches Lesezeichen markiert, bis wohin sie gekommen ist. Ich fange an zu lesen.

Das Buch ist sehr geistlich, eine theologische Betrachtung des Gebetes:

God, grant me the serenity to accept the things I cannot change,


Courage to change the things I can,


And wisdom to know the difference.

Ich verhaspele mich manchmal, bin an das Vorlesen nicht gewöhnt. Irene hört mir aufmerksam zu, nickt, wenn sie zustimmt, die Sonne fällt durch das Fenster. Eine Stille kehrt ein, da ruft die Patientin aus dem Nebenbett: „Sprich lauter.“ Ich muss lachen und ziehe die Vorhänge zwischen den Betten zurück, die Patientin gegenüber setzt sich auf, alle drei Damen hören mir gebannt zu. Ich lese und komme selber ein bisschen zur Ruhe, verweise die zwei, drei Telefongespräche, die kommen, an Björn, lege meine freie Hand auf Irenes Arm, ansonsten ist alles immer so hektisch, ich laufe und telefoniere, weise an und habe selten Zeit für einzelne Patienten, habe immer nur die Koordination und den Überblick im Auge, und auf einmal sitze ich 40 Minuten fest und kann nirgendwohin. Es ist schön geschrieben, schöne Worte.

Der Neurologe kommt und sieht uns alle erstaunt an. Ich lese weiter, bleibe noch fünf Minuten länger, weil ich das Kapitel fertiglesen will, ich kann doch nicht mitten im Kapitel abbrechen, markiere es dann mit Irenes Lesezeichen, Irene sieht mich an, die Damen danken mir, „das war so schön, tausend Dank!“. Ich nehme meinen Monitor wieder mit, spreche kurz mit den Schwestern der Station, alles stabil, hier ist meine Telefonnummer, ruft mich an, falls es Fragen gibt.

Auf dem Weg zurück zu Intensiv ein gutes Gefühl, das ich nur selten habe. Es war lange her, dass ich mich so völlig einem Patienten widmen und etwas tun konnte, was ihr guttut. Später am Abend erzähle ich Björn, dass ich der Patientin vorgelesen habe, dass alle im Zimmer aufmerksam zugehört haben, und wir schön das war, auch er freut sich über diese Dreiviertelstunde, sagt, dass es schön sei, dass wir manchmal so etwas hinkriegen können. Wir sehen uns an, wir arbeiten so nah zusammen, so hart und koordinieren alle, priorisieren knallhart, erscheinen sicher oft als herzlos – das sind wir nicht. Wir haben uns beide sehr über diese Vorlesestunde gefreut.
Danke, dass ich euch vorlesen durfte und für die Ruhe, die mir diese Dreiviertelstunde gab… für mich war das ein richtiger Lichtblick an diesem Tag!