Leben vor Leib

Eine Frau wird eingeliefert, Sepsis, hohes Fieber, der Blutdruck liegt tief. Sie kommt aus der Notaufnahme, die Finger, die Zehen sind blau und kalt, der Körper versucht mit aller Kraft, den Blutdruck aufrechtzuerhalten, um die lebenswichtigen Organe mit Sauerstoff zu versorgen, und schließt die periphere Zirkulation.
Ein ungewöhnliches Bild – bei einer 45-Jährigen würde man eigentlich Lungenentzündung als die wahrscheinlichste Diagnose sehen, oder vielleicht Urosepsis, aber die Lungen klingen sauber, der Urin ist klar.

Wir laufen auf höchster Drehzahl, sie braucht Sauerstoff, venöse Zugänge, einen arteriellen Katheter, Blutkulturen und -tests, ein Blutgas, Antibiotika, Lungenröntgen. Die Hände werden blau, die Füße, sie klagt über Schmerzen, das tut weh, wenn die Peripherie nicht mehr mit Blut versorgt wird. Meningitis? Keine Nackensteife, keine Lichtempfindlichkeit – aber wir können das nicht riskieren, eine Gehirnhautentzündung zu übersehen, also zwei hochdosierte Breitspektrumantibiotika und eine Lumbalpunktion, aber auch hier: Der Liquor ist klar, unwahrscheinlich mit einer Gehirnhautentzündung, wir müssen ständig die Dosis des Noradrenalins erhöhen, wir können den Blutdruck nicht mehr halten, sie muss intubiert werden, die Bläue zieht sich die Arme und Beine hoch, die Nasenspitze und die Ohren werden blau. Wir sind unsicher, ob wir die Extremitäten retten können, aber hier gilt „life before limb“, „Leben vor Leib“.

Intubation, wir injizieren Methylenblau, das ist ein katekolaminresistenter septischer Schock, das ist das einzige, was uns noch bleibt, und endlich stabilisiert sich die Situation etwas. Wir starten die Dialyse. Was für ein Fall, wo ist der Fokus der Infektion?

Die Antwort kommt 12 Stunden später, das Labor ruft an, in den Blutkulturen ist Capnocytophaga canimorsus nachgewiesen worden – so selten, das Bakterium gehört zur Normalflora im Maul von Katzen und Hunden. Sie hat aber keine Bisswunden – nur einen Kratzer an der Hand. Nun ja, das reicht schon, wenn die Katze der Patientin ihr die Hand leckt…

Die Patientin ist drei Wochen bei uns. Die Zehen müssen amputiert werden, und vier Finger, die Nasenspitze wird chirurgisch rekonstruiert. Eine so fulminante Septikämie habe ich selten gesehen.