Lichtblicke

Die Intensivstation ist kein besonders heiterer Ort. Wir haben eine Mortalität von rund 30 Prozent, das ist recht hoch. 3 von 10 Patienten verlassen unsere Station nicht mehr, wie viele noch im Nachverlauf sterben, weiß ich nicht. Wir streben tatsächlich eine Mortalität von 30 % an, denn die bedeutet, dass wir die richtigen Patienten aufnehmen. Eine niedrigere Mortalität würde bedeuten, dass wir zu „gesunde“ Patienten aufnehmen, dass wir Patienten zu uns holen, die die Intensivmedizin nicht brauchen. Eine zu hohe Mortalität bedeutet, dass wir Ressourcen auf zu kranke Patienten setzen.

Das ist alles Statistik; was ich sagen will, viele unserer Patienten sterben, viele leben weiter mit verringertem Funktionsniveau, und dann gibt es die, die es ohne Beeinträchtigungen schaffen. Das sind unsere Lichtblicke.

Es gibt nichts Schöneres, wenn Patienten uns in den Monaten nach ihrer Zeit auf der Intensivstation entweder besuchen oder einen Brief oder eine Karte schicken. Wenn jemand, der so krank war, so lebensbedrohlich krank, mit dem man stundenlang, tagelang gearbeitet hat, die Funktionen des Körpers manipuliert und gesteuert, jedes Detail überwacht ha t, auf seinen eigenen Beinen bei uns hereinkommt, das ist die reine Freude. Wir schätzen das wirklich, wir erzählen einander davon, wir hängen alle Karten und Briefe im Personalzimmer auf.

Ich glaube, eine meiner schönsten Augenblicke war, als wir eine Karte von Sven und seiner Familie bekamen. Sven, ein gesunder, 40 Jahre alter Familienvater, der bei einem Vereinssommerfest zusammenbrach – Herzstillstand, unerwartet, eine primäre Arrhythmie wahrscheinlich. Was für eine schlimme Situation, auf einem Familienfest, Dutzende von Kindern, darunter zwei seiner eigenen. Wiederbelebungsmaßnahmen, die erfolgreich waren – und dann eine ganze Familie bei uns, Nele, seine Frau, drei Kinder, 3, 7 und 9 Jahre alt, und Sven tief sediert im Intensivpflegebett, und jetzt heißt es nur warten. Gehirnschäden vom Sauerstoffmangel? Nele, die schließlich mit den Kindern nach Hause fuhr, diese ins Bett brachte und dann Geschenke für ihren jüngsten Sohn einpackte, der am nächsten Tag Geburtstag hatte, Nele, die den darauffolgenden Vormittag im Krankenhaus an der Seite ihres Mannes und in Gesprächen saß, und es schaffte, am nächsten Nachmittag einen Kindergeburtstag zu feiern.
Ein relativ komplizierter Verlauf, die Großeltern trafen aus dem Ausland ein, um Nele zu entlasten, die Ängste, die Panik, mitten im Leben gestanden und dann das, und die Bedrohung einer ernsten Behinderung ihres Mannes. Die Extubation wurde geplant, Nele und ich saßen auf dem Sofa im Aufenthaltsraum, teilten eine Dose Cola aus dem Automaten und sprachen über ihre Ängste – was, wenn er aufwacht und er ist nicht mehr er selber?

Die Extubation geglückt – Sven brauchte lange Zeit zum Aufwachen, schien aber keine Beeinträchtigungen oder Hirnschäden zu haben. Er bekam einen ICD, einen implantierbaren Defibrillator, der solche Arrhythmien erkennt und das Herz sofort wieder in den richtigen Rhythmus schockt, und wurde als gesund entlassen.

Zwei Monate später eine Karte, ein Bild dabei – Sven und seine Kinder sammeln Herbstblätter im Wald. Das war einfach nur schön.