Max aus Zimmer 2

Wir kommen zur Nachtschicht – in Zimmer 2 ein neuer Patient. Maximilian, 19 Jahre alt. Herzstillstand. Maximilian ist Elektriker und hat bei der Arbeit einen elektrischen Schlag abbekommen und fiel in sich zusammen, sein Herz stand still. Die 30-jährige Auftragsgeberin, bei der er die Arbeiten ausführte, hat unglaublich schnell reagiert, sie beherrschte Erste Hilfe, sie legte ihr Baby neben Maximilian, rief den Notruf und fing mit Herz-Lungen-Massage an, machte Mund-zu-Mund-Beatmung, hielt durch, bis 15 Minuten später der Notarztwagen eintraf. Ein Schock und Maximilian hatte wieder einen lebensgebenden Rhythmus, kam zu uns, und weil das vor zwei Jahren noch Standard bei uns war, wurde seine Körpertemperatur auf 33 Grad gesenkt, 24 Stunden lang.

Oder, genauer, wir haben es versucht – Maximilian schien die ganze Nacht gegen uns zu kämpfen, es war, als würde er sich wehren, wir haben die ganze Nacht geschraubt und justiert und die Zieltemperatur erst um 03:00 erreicht. Ein richtiger Fighter, haben wir der Familie gesagt, sie waren alle da, Janne, seine Mutter, Tobias, sein Vater – die beiden waren geschieden, verstanden sich aber sehr gut – seine Schwester Karina und sein Bruder Christian, 17 und 14 Jahre alt, alle waren sie bei Maximilian, der tief sediert im Bett lag, jung, gut trainiert, stark, mit blonden, dicken Locken. Ein wunderschöner Junge. Wir haben die ganze Nacht versucht, die Temperatur zu justieren, mehr seiner Familie wegen als für die exakten Ziffern – wenn das nicht gut wird, dann soll die Familie nie sagen dürfen „wenn sie es nur ein bisschen mehr versucht hätten, die Temperatur zu senken!“.

Janne und ich saßen zusammen, in den frühen Morgenstunden, und sie erzählte von ihrem ältesten Sohn – wie sie an dieser Stelle vor 19 Jahren saß, Maximilian kam ein paar Wochen zu früh auf die Welt, er lag auf den Neugeborenen-Intensivstation, mit Gelbsucht, und sie saß neben ihm, die ganze Nacht, und sah auf ihren Sohn nieder. Seitdem war er nicht mehr im Krankenhaus.

Das war meine letzte Nacht – ich habe dann drei Tage frei, dann bin ich am Samstag wieder auf Tagschicht. Ich komme zur Arbeit, und die niederschlagende Nachricht: Maximilian hat einen Extubationsversuch gestern nicht geschafft. „Nicht geschafft“ ist eine Untertreibung, denke ich, als meine Kollegin mir berichtet, Maximilian konnte selber nicht richtig atmen, sank verzweifelt in seiner Sauerstoffsättigung, schlechte Entscheidungen wurden getroffen, eine langsame Kollegin hat die Parameter nicht wahrgenommen, ein unerfahrener Arzt war zu unentschlossen, und erst als Maximilian auf 27% Sauerstoffsättigung lag, wurde der Alarmknopf gedrückt, und endlich kam Matthias, nahm das Ruder in die Hand, während die Familie völlig hysterisch war. Ich kann das nicht verteidigen, aber es passiert.

Okay – Maximilian ist erneut intubiert, sediert. Ich gehe ins Zimmer und nehme Janne in die Arme, wir kriegen das hin, ich bin hier. Das Vertrauen auf uns scheint auf den Nullpunkt gesunken, die Familie ist verzweifelt. Ich sitze mit Erik zusammen, unserem in Ehren ergrauten, unendlich kompetenten Oberarzt, und wir diskutieren, alle Ideen sind willkommen, legen Hypothesen dar – warum ist dieser junge Mann respiratorisch so schlecht dran? Ein gesunder junger Mann, der einen Stromschlag erhalten hat, hat doch keine respiratorischen Probleme? Wo kommt das jetzt her? Ich liebe es, mit Erik zu diskutieren, der einen immer als gleichwertigen Partner, als Kollegin und wertvollen Input sieht. Übersehen wir etwas? Kann es sein, dass Maximilian eine respiratorische oder eine kardiale Krankheit hat, kann er einen Herzfehler haben hat, der einfach nie erkannt wurde, ein scheinbar gesunder 19 Jahre alter Mann, der nie zum Arzt geht? Erik meint zweifelnd, der Herzstillstand sei schon zweifelhaft, man sagt normalerweise, kein gesunder Mensch stirbt an Haushaltsstrom. Ist Maximilian kränker, als wir glauben? Ein Ultraschall vom Herzen, ein eingehendes Gespräch mit der Familie, wir nehmen uns alle Zeit der Welt mit dieser verängstigten Familie, Erik tut Wunder durch sein ruhiges, erfahrenes Auftreten. Nein, Maximilian ist gesund. Wir müssen die Ideen verwerfen.

Aber warum ist er so verdammt instabil, nicht wie ein 19jähriger, gesunder junger Mann, sondern wir ein 80 Jahre alter Mann, der ein Leben lang geraucht hat, mit Fibrose und Emphysem in den Lungen? Ich kriege das Bild nicht zusammen, während ich Maximilian in den nächsten Tagen betreue, alles, was man mit ihm macht, löst tiefe Senkungen in der Sauerstoffsättigung aus, Maximilian ist respiratorisch so instabil, wie ich es nur selten gesehen habe, was ist hier das Problem? Wir finden keine Lösung, keine Antwort. Auf einmal ist das Problem nicht mehr Maximilians Herz, sondern seine Lungen.

Die Familie ist erschöpft, schlaflos und ist rund um die Uhr an Maximilians Seite. Wir fangen an, Maximilian mit seinem Spitznamen zu nennen, Max. Dieser Familie geht es gut, wenn sie bei Max ist, sobald man die Familie bittet, das Zimmer zu verlassen, kommt es zu Konflikten mit Janne, die wie eine Löwenmutter kämpft. Max’ Vater Tobias darf uns helfen, Max zu rasieren, ich halte den Tubus, Tobias rasiert. Etwas zu tun, hilft ihm. Janne darf Max’ Haare mit einer Shampoo-Mütze waschen und seine Kopfhaut massieren.  Ich ermahne Kollegen, sich ein bisschen anzupassen, was wir normalerweise machen, greift vielleicht hier nicht. Janne und ich reden viel. Max erfordert meine gesamte Aufmerksamkeit, zum einen so respiratorisch kompliziert, zum anderen die Familie, die so viel von mir braucht.

Max’ Bruder geht es nicht gut – er ist 14 Jahre alt und seit vielen Tagen rund um die Uhr im Krankenhaus. Eines Abends schreit er seine Mutter an, schlägt sie weg, er weint, Janne weint – okay, was jetzt? Da ist ein Minderjähriger, dem es nicht gut geht, dem Gesetz nach bin ich verpflichtet, Maßnahmen zu ergreifen. Das Jugendamt will ich nicht einschalten, aber der Sozialarbeiter, der gerade auf dem Nachhauseweg war, verspricht, gleich zu kommen, Ingo kommt, spricht lange mit Christian, lange mit den Eltern, und Tobias fährt mit Christian nach Hause, eine kleine Pause braucht dieser Teenager.

Es ist Donnerstag, ich bin auch erschöpft, ich arbeite seit Samstag mit Max und seiner Familie, morgen soll ein neuer Extubationsversuch gestartet werden, Björn ist positiv, ich versuche die panische Janne zu beruhigen. Ich hab frei am Freitag, brauche eine Pause, ich verspreche, dafür zu sorgen, dass morgen eine erfahrene Krankenschwester bei Max sein wird, ich versichere immer wieder, dass nichts schiefgehen kann, solange Björn hier ist. Ich kann nicht noch eine Schicht arbeiten, ich schaffe das nicht. Ich hab jetzt Urlaub, ich habe Pläne.

Am Freitagabend rufe ich dann doch Björn an – ich mache so was normalerweise nicht, ich tue mein Bestes, solange ich arbeite, und dann lass ich es los, aber in diesem Fall kann ich das nicht, ich muss wissen, ob Max die Extubation geschafft hat. Ja, das hat er, nicht ohne kritische Momente, nicht ohne Zittern und Ängste, aber Max atmet selber.

Am Dienstag muss ich noch einmal ins Krankenhaus, am Nachmittag muss ich eine Vorlesung für die Medizinstudenten halten. Ich gehe auf der Station vorbei, und natürlich auch am Saal 2 – und einer der Höhepunkte meiner Karriere war sicher, als ich durch die Fensterscheibe schaute und Max sitzt im Bett, seine Familie um ihn versammelt, und Max ist wach, er spricht, ich kann ihn nicht hören, nur sehen, und ich weine fast. Ich bitte eine Kollegin, Janne kurz zu holen, ich will nicht reingehen, in Jeans und T-Shirt, und Max kennt mich nicht – dieser erstaunliche Kontrast, ich kenne Max vom Kopf bis zu den Zehen, jeden Zentimeter, habe ihn gewaschen, umsorgt, gewendet, habe ihm die Zähne geputzt, kam ihm so unendlich nahe, und Max kennt mich nicht. Für Max bin ich eine Fremde.

Als Janne aus dem Zimmer kommt, umarmen wir uns hart. Ich breche fast selber in Tränen aus, Tobias kommt, Karina. Diese Familie, die mir so nahestand, die mich so gebraucht hat – ich bringe es fertig, zu sagen, wie viel es mir bedeutet, Max so zu sehen, wie wichtig mir das ist.

Max, ich hab dich nie wirklich getroffen, aber während dieser 10 Tagen bei uns war ich der wichtigste Mensch der Erde für dich. Ich durfte dich und deine Familie durch alle Klippen lotsen, und du warst einer der Patienten, die mir am meisten bedeuten – weil es mir geglückt ist, für dich und deine Familie alles richtig zu machen. Nihil nisi bene. Danke, Max!