Mit dem Rücken zur Wand

Einer der schlimmsten Zwischenfälle meiner Karriere war ein Fall, der so gigantische Proportionen annahm, wie ich es niemals hätte ahnen können, ein Fall, mit dem ich immer noch kämpfe, den ich noch nicht ganz loslassen kann.

Ein neues Verfahren, das Vollnarkose erfordert. Ich bin neben der Intensivschwester auch ausgebildete Anästhesieschwester, also werde ich gefragt, ob ich bei diesem Projekt dabei sein will. Unsere Klinik ist die erste im ganzen Land, die diese Behandlung anfängt, es ist gigantisch, dieses Projekt hat viel Geld gekostet, die Ausbildung, das Material, der Spezialist aus Berlin, der extra eingeflogen wurde, um die ersten Fälle zu überwachen. Anton Turmaier, der die Eingriffe durchführt, ist ungeheuer ambitioniert. Es läuft darauf hinaus: Wir auf der Intensiv leiten die Narkose ein, transportieren den Patienten, überwachen ihn und nach dem Eingriff kommt der Patient zurück zu uns. Ungewöhnlich, denn wir sind eine Intensivstation, und das ist etwas, was man normalerweise die Anästhesie machen lässt.

Die erste Patientin am Dienstag verläuft gut – sehr komplizierte Anamnese, sehr instabil und sehr komplizierte Anästhesie, aber Björn und ich kriegen es hin. Am Mittwoch ist Björn auf einem Kongress und der zweite Patient wird von Sven und mir betreut. Sehr unkompliziert mit diesem Patienten, völlig problemfrei, der Eingriff wird durchgeführt. Um 11:00 geht Sven nach Hause, nach 28 Stunden Dienst macht er jetzt Schluss, und Dino übernimmt die Verantwortung, während wir noch im zweiten Stock sind. Dino kommt kurz nach oben, alles in Ordnung, auf der Intensivstation ist die Hölle los, schaffst du das alleine? Natürlich. Ich stehe alleine, ich hab nichts gegessen, keiner kann mich ablösen.

Der Eingriff zu Ende, um 13:30, ich rufe Dino an – keine Chance, dass er jetzt kommen kann, er steht bei einem kritischen Patienten, und Alex, der einzige andere Spezialist auf der Station, ist bei einem Herzstillstand. Kein Problem, wir legen den Patienten hier zurück in sein eigenes Bett, ich senke die Dosis der Anästhesie, um den Patienten wieder selbst zum Atmen zu bringen, während wir auf Dino warten – der Patient schlägt die Augen auf, atmet selber, ich spreche mit ihm, er nickt, versteht mich, atmet zuverlässig und ich entscheide mich dafür, den Tubus zu ziehen, statt die Anästhesie zu vertiefen.

Das ist etwas, was üblich, aber nicht richtig legal ist. Normalerweise ist ein Arzt bei der Extubation dabei, Punkt, Schluss. Es gibt aber all diese Grauzonen in diesem Beruf, wo Krankenschwestern etwas tun, etwas entscheiden, was nicht richtig in das Aufgabengebiet fällt, was aber gang und gäbe ist. Ich habe schon hundertmal allein extubiert, ohne Arzt, und auch in diesem Fall ist es die richtige Entscheidung, der Patient ist wach, spricht mit mir, ich rufe Dino an, der Patient ist extubiert, wir kommen nach unten, Dino sagt „Gut gemacht“ und der Patient landet auf der Intensivstation, ich spreche mit der Schwester, die die Verantwortung übernimmt, und gehe dann zum Essen.

Ich schlucke gerade den letzten Bissen, da geht der Alarm. Zimmer 12, ich springe auf, das ist mein Patient, ich renne durch den Flur – Blutdruck 50/20, die Ärzte strömen ins Zimmer, Ultraschall vom Herzen, wir spritzen Medikamente, der Patient atmet noch selber, ist noch bei Bewusstsein. Tamponade, Blut im Herzbeutel, die Gewebehülle, die das Herz umgibt, Blut, das das Herz zusammendrückt und es nicht mehr effektiv schlagen lässt, lebensbedrohliche Komplikation, sofort nach oben in den zweiten Stock, ich rotiere, alles, jetzt, schneller, das ist mein Patient. Beim Eingriff am Herzen muss ein Blutgefäß beschädigt worden sein, das jetzt wild blutet. 2 Liter Blut aus dem Herzbeutel abgelassen durch eine Drainage, alle sind gestresst, wir transfundieren mehr Blut, Anton Turmaier schreit alle an, der Patient ist wach, ich stehe neben ihm. Alles geht gut – wir können das Problem beheben.

Die ganze Station surrt. Das durfte nicht passieren, ein neues Verfahren, der zweite Patient, und eine lebensbedrohliche Komplikation. Das ist nicht gut. Schon am nächsten Tag kommt Marion, eine administrative Funktion, die dieses Geschehen weiter untersuchen soll, eine Zicke ohnegleichen, die schon seit Jahren nur noch Papiere wälzt und keinem Patienten überhaupt nur nahe gekommen ist – warum habe ich den Tubus gezogen? Ich erkläre mein Handeln, sie ist aggressiv, unterbricht mich, alles scheint für sie darum zu handeln, dass kein Arzt dabei war, als ich extubiert habe. Ich fühle mich an die Wand gestellt, muss mehrmals darum bitten, zu Ende reden zu dürfen. Eine offizielle Untersuchung wird eingeleitet, verantwortliche Behörden eingeschaltet, ein Patient wurde unter einem Eingriff lebensgefährlich verletzt. Ich spreche mit Sven, der sagt, dass er mein Handeln völlig unterstützt. Alle diskutieren.

Am nächsten Tag: Gerüchte, das war Elina, die die Komplikation verursacht hat, höre ich, weil sie den Tubus gezogen hat. Außerdem wollte sie schnell zum Essen. Nicht könnte falscher sein, die Komplikation hatte nichts mit meinem Handeln zu tun, aber überall wird geflüstert. Anton Turmaier schreit. Sven sagt mit beklagendem Blick, er könne sich zu nichts mehr äußern, er war ja nicht dabei. Mein Chef sagt, er könne dazu keine Stellung nehmen. Auf einmal scheinen alle einander zu decken und Panik steigt in mir auf, die hängen mich für das, alle sind froh, einen Sündenbock gefunden zu haben, alle werden froh sein, die Verantwortung abschieben zu können. Ich schicke eine E-Mail an Jutta, unsere Chefin, und Björn, medizinisch leitender Arzt, ich will mit euch reden, am Montag, ich will gerne meine Version darlegen können.

Das Gespräch am Montag ist eine Katastrophe. Das Stressniveau am Anschlag, alle unter Druck. Diese Situationen bringen selten das Beste in Menschen zum Vorschein. Jutta und Björn sind beide gestresst, ein neues Verfahren, so viel Geld, das investiert wurde, Anton Turmaier, der uns beschuldigt, die Krankenhausleitung ist eingeschaltet, und ich bin die Einzige, die einen formellen Fehler gemacht hat. Ich sitze im Konferenzraum, unter hartem Beschuss, wir sind so exponiert, harte Worte fallen, ich versuche mein Handeln zu erklären, und es gelingt mir nicht, für mich ist diese Stunde eine einzige Botschaft: Keiner hier wird zu mir halten. Jutta sagt hart: „Du kannst noch nicht mal die Verantwortung auf jemand anderen schieben“ – und ich versuche die Fassung zu behalten, keine Angst zu zeigen, während in mir alles sinkt, die werden mich feuern für das, was ist denn das für ein Kommentar, laufe ich hier rum und rufe „der war’s“ wenn etwas passiert, wie kann sie mich so beurteilen, ist das hier eine lange Reihe von Menschen, die die Verantwortung aufeinander abschiebt, und ich stehe am Ende und habe keinen mehr? Läuft das jetzt so? Ich antworte: „Ich brauch die Verantwortung auf niemanden zu schieben, ich übernehme die Verantwortung für alles, was ich getan habe.“

Ich fange an zu weinen, sobald ich den beiden den Rücken gekehrt habe – das war so furchtbar für mich, ich hab alles richtig gemacht mit diesem Patienten, die Komplikation hatte nichts mit dem zu tun, was ich getan habe, aber ich bin einfacher zu opfern als Anton Turmaier, und wenn nicht mal Björn mehr zu mir hält, auf meiner Seite steht, dann ist es wirklich schlimm. Ich hab leider schon genügend Fälle gesehen, wo ein Held sich nach dem anderen auf die Seite schlich und es am Ende plötzlich nur noch einen Schuldigen gab – die Krankenschwester. Auf dem Weg durch die Tür muss ich an allen Ärzten vorbei, die um 15:00 Übergabe im Konferenzzimmer haben – an Flo, der wie immer begeistert in sein iPhone spricht, an Matthias, der mich ansieht, mit hinterherläuft, die Arme um mich legt, mich festhält.

Ich schaffe die Spätschicht, gehe nach Hause, am nächsten Tag komme ich früher zu Arbeit, ich muss mit Matthias reden, es gibt nur einen, der vielleicht noch zu mir hält, wenn es noch einen gibt, der mir helfen kann, dann ist es Matthias, der mir im schlimmsten Fall eine Referenz geben wird, ich rufe ihn an, den Hörer in einem verschwitzten Griff umklammert, ich muss mit dir reden.

Matthias lotst mich vorsichtig ins Familienzimmer der Station, komm, wir setzen uns hierher, dieser versiffte Raum mit einer Kaffeemaschine drin, draußen regnet es, Matthias schließt die Tür, der Augenblick ist mir so gut in Erinnerung, der miserable Kaffee in Pappbechern, der Regen auf den Fenstern, Matthias‘ Ruhe, keine Angst jetzt, nicht die Pferde scheu machen, dir wird nichts passieren, das war nicht deine Schuld, ich stehe auf deiner Seite.

Matthias verliert keine Zeit. Nach 15 Minuten bekomme ich den Anruf von Björn, „komm jetzt in mein Dienstzimmer“. Ich habe immer noch rote Augen und will nicht, Matthias steht in der Tür, er ist dabei, er macht deutlich, dass er bei mir bleibt in diesem Gespräch. Björn, der Mann der großen Worte und großen Gesten: „Wie kannst du nur glauben, dass wir nicht zu dir halten?“ Matthias liefert die Worte, die ich nicht finde, und in meiner Erinnerung ist das der erste Moment, wo ich darlegen kann, wie die Situation für mich aussieht.

Matthias saß neben mir durch viele Gespräche – mit Jutta, mit meinem Chef, mit Marion, in einer Sammlung vom gesamten Personal, das beteiligt war, mit der Krankenhausleitung. Matthias stellte Sven zu Rede, Matthias mobilisierte alle Ärzte. Matthias verteidigte mich gegen alle, Matthias schwankte nie. Matthias stand hinter mir wie eine ganze Armee. Immer bei mir. Ich glaube nicht, dass Björn je erkannt hat, wie gigantisch dieser Fall für mich war und wie sehr ich in die Ecke gedrängt war in diesen Tagen, wie panisch ich war und wieviel Angst ich hatte. In diesem Fall war Matthias mein Verteidiger und mein Beschützer, ohne jeden Zweifel, stand neben mir, bereit, den Kampf aufzunehmen, machte immer klar: „You fight with her, you fight with me.“ Und plötzlich schlossen sich hinter mir die Reihen, von Ärzten, Kollegen, Mails gingen bei mir ein, ich wurde verteidigt, beschützt, unterstützt. Ich weiß noch jedes kleine Wort, jede Geste, und hab keinen von euch vergessen, es hat mir unendlich viel bedeutet.

Die offizielle Untersuchung zeigte nach sechs Monaten „prozedurrelatierte Komplikation“ und der Fall wurde zu den Akten gelegt. Die Ringe auf dem Wasser fingen an, sich zu legen. Es hat gedauert, bis wir uns davon wieder erholt haben, von dieser Situation, die keinen Einzelnen von uns im besten Licht gezeigt hat. Alle haben wir in der Hitze des Gefechtes überreagiert, zu schnell und zu scharf geschossen, voreilige und falsche Schlüsse gezogen, geredet, als es besser gewesen wäre, zu schweigen, zuzuhören, nachzudenken, nachzufragen. Meine Beziehungen zu meinem Chef, zu Sven, den ich als aufrechten und gerade Menschen kenne, als auch zu Jutta und Björn wurden hart auf die Probe gestellt in diesen Tagen. Glücklicherweise ist es uns allen gelungen, das hinter uns zu lassen und diese Beziehungen zu festigen, einander mehr zu vertrauen als weniger.