Nicht aufgeben

Als ich kürzlich über Gerlinde schrieb, die ein Zugunglück unglaublich leichtverletzt überlebt hatte, musste ich an Arina denken. Arina war einer der schwersten Unfälle, die je durch unsere Tür kamen, noch heute blicke ich kopfschüttelnd zurück auf dieses Unglück – und vor allem auf den Ausgang.

Arina wurde eines Nachts ins Traumazentrum eingeliefert – ein 16jähriges Mädchen, mit einer Gruppe Freundinnen auf dem Nachhauseweg von einem Fest, angetrunken, war sie von der Bahnsteigkante gestürzt, direkt unter den eben einlaufenden Vorstadtzug.

Arina kam so schwer verletzt zu uns, dass man sich schaudernd abwenden musste. Zerquetscht, zerschnitten, zerfetzt in den Resten eines hellblauen Sommerkleides. Aber sie lebte noch, und bei einem so jungen Mädchen bietet man natürlich alles auf! Sofort in die Not-OP, wo das Ausmaß der Verletzungen erst richtig klar wurde – eine unglaubliche Zerstörung, Knochen, Organe, alles kaputt. Drei Teams operierten gleichzeitig, die Thoraxchirurgen, die Traumachirurgen, die Orthopäden, zwei Dutzend Menschen rangen in dieser Nacht um ein Leben.

Ich war Teil der Anästhesie mit drei Ärzten und vier Krankenschwestern – dieses Grausen mitten in der Nacht, „das Mädchen ist so schwer verletzt“, hämmerte es mir durch den Kopf, während ich fieberhaft Hand in Hand mit den Kolleginnen arbeitete, „das kann nicht gehen, das wird niemals gut, falls sie entgegen aller Erwartungen das hier überlebt, wird sie schwerstbehindert sein, was tun wir hier?“

Es war ohne jeden Zweifel eine der schlimmsten Operationen, die ich je gesehen habe – mitten in der Operation verließ eine Anästhesieschwester in Tränen den Saal, auch einer der Traumachirurgen war überfordert mit der Situation. Auch Ärzte sind Menschen, die die Fassung verlieren.

Nach sieben (!) Stunden endlich etwas stabilisiert und auf die Intensiv – Arina lebte noch. Ich konnte es kaum glauben. Nach ein paar Stunden wieder zurück in den OP, um weitere Blutungen zu stoppen. Beinahe jeden folgenden Tag wieder Operation, wir zogen sie immer wieder in den OP, das Becken wurde rekonstruiert, Komplikationen wurden behandelt, die Komplikationen konnte man kaum zählen, sowohl chirurgische als auch intensivmedizinische. Infektionen, Blutungen, Thrombosen, Gerinnungsstörungen. Aber Arina lebte noch.

Zweifel und Diskussionen im gesamten Team: Ist das überhaupt noch ethisch vertretbar, was wir mit diesem Mädchen tun? Chirurgen, die weitere Operationen aus ethischen Gründen ablehnten, Anästhesisten und Intensivmediziner, die diskutierten, ob man nicht die Behandlung abschließen sollte, Anästhesieschwestern, die nicht mehr bei den Operationen dabei sein wollen. Arinas Eltern, die seit zwei Monaten auf der Intensivstation wohnten und langsam die Hoffnung aufgaben. Ich erinnere mich, wie ich im OP stand und ihr über die Stirn strich und dachte, „verzeih mir, dass ich dir so wehtue, dass ich hier noch mitmache…“.

Aber Arina lebte noch – und Arina wachte auf. Immer noch schwerverletzt, immer noch schwerkrank, traumatisiert, aber sie schaffte die Verlegung auf eine normale Station nach drei Monaten auf der Intensivstation, trotz aller Komplikationen und Rückschläge, und nach weiteren zwei Monaten kam sie in die Reha. Unglauben in der gesamten Klinik, denn derart schwerverletzte Menschen überleben in der Regel nicht, an irgendeiner Komplikation sterben sie normalerweise, weil es einfach Grenzen für die Medizin gibt.

Arina tauchte noch oft in Gesprächen auf, auch als sie aus unserem Gesichtsfeld verschwunden war. Aber zwei Jahre nach dem Unfall bekamen wir im OP eine Karte mit einem Bild: Arina beim Schulabschluss, in einem weißen Sommerkleid, Blumen in der Hand, und sie lachte, der Triumph leuchtete aus ihren Augen. Daneben hatte sie geschrieben: „Danke, dass ihr nicht aufgegeben habt. Ich hab auch nicht aufgegeben!“

Mir kamen die Tränen, als ich die Karte gesehen habe. Arina lebt noch.