Nie wieder gut

Eben wies mich jemand auf das hier verlinkte Bild im Internet hin. Es zeigt einen Arzt, der eben einen Patienten im Teenageralter verloren hat.

Dieses Bild ist für mich wie ein Tritt in den Magen. Ich habe so viele Ärzte in dieser Situation gesehen, regelrecht zu Boden gezwungen von der Gewalt solcher Momente. Und ich habe selbst auch schon solche Momente erlebt.

Warnung vor dem Weiterlesen: Das ist eine knüppelharte Geschichte! Wer das Wort Blut nicht aushält, sollte hier aufhören.Ich erinnere mich noch so gut an meinen ersten solchen Hammer-Fall, es ist Jahre her. Ich habe an diesem Tag einen Patienten verloren, der erst 26 Jahre alt war. Genauso alt wie ich damals.

Der Junge hatte eine Gehirnblutung nach einem Autounfall, wurde operiert und kam dann sediert und beatmet zu uns auf die Neurologie. Das Problem war, dass der Junge eine angeborene Gerinnungsstörung hatte, und das verkompliziert die Sache natürlich ungemein, aber man glaubte, das im Griff zu haben, man glaubte, es würde gut gehen.

Ich versorge den Jungen morgens, wasche ihn, wechsle den Tubus, überprüfe den Ventilator, verabreiche die Medikamente. Alles gut, alle Vitalparameter im Rahmen, wir sind zurückhaltend optimistisch, das sieht doch besser aus, als man zu hoffen gewagt hätte. Ein hübscher Junge ist das, soweit man das in dem Zustand feststellen kann. Und die Eltern wirklich nett und rührend dankbar für alles, was man für ihren Sohn tut.

Um viertel vor eins gehen die Eltern zum Essen. Ich setze mich selbst ins Schwesternzimmer und packe mein Butterbrot aus. Vielleicht komme ich ja mal zu einer ungestörten halben Stunde.

Von wegen. Ich habe zweimal abgebissen, da gehen alle Alarme los. Welches Zimmer? Nummer 3, Mist, der junge Kerl. Ich lasse alles fallen, Jana springt mit mir auf, nebeneinander sprinten wir ins Patientenzimmer.

Verflucht! Der systolische Blutdruck steigt, der diastolische fällt, der Puls wird langsamer. Diese Symptomgruppe nennt sich Cushing-Triade, gefürchtet, denn die bedeutet: steigender Hirndruck. Im Prinzip handelt es sich hier um ganz einfache Physik: Wenn der Druck und damit das Volumen im Schädel steigt, wird alles zusammengepresst, da ja der Schädel ein geschlossener Raum ist – bis das Stammhirn durch das Foramen magnum gepresst wird, was sich Herniation oder Einklemmung nennt, und den sofortigen Tod zur Folge hat.

Der Junge blutet intracranial. Mein Herz schlägt wie wild, aber ich fliege wie auf  Autopilot – ich drücke den Alarmknopf, sofort stürzt die ganze Ärztemannschaft der Station ins Zimmer, alles hantiert, die Hände fliegen, es wird tatsächlich so hektisch, wie es in den amerikanischen Filmen immer ist, da heißt es nur noch „Go, go, 80 Mannitol, Zugang!“ Das Reanimationsteam entert das Zimmer, die Telefone laufen heiß, das Notfall-OP-Team kommt, die Neurochirurgen strömen herein, die Ärzte aus der Intensiv kommen, zwei Dutzend Menschen ringen um ein Leben – und da es mein Patient ist, stehe ich natürlich an der Frontlinie. Ich stehe direkt neben dem Jungen, ich spritze alles, was mir zugeworfen wird, ich schalte den Ventilator ab und beatme mit der Beatmungstüte, bis einer der Intensivärzte das übernimmt. Und der Junge fängt an aus der Nase zu bluten, aus dem Mund, um Gottes willen, wo kommt denn das alles her, da muss ein Irrsinnsdruck herrschen in diesem Gehirn, es sieht aus wie im Schlachthof!

Eine gehetzte Beratung unter den Notfall-Chirurgen. „Schädel öffnen…“ Was, hier und jetzt? Aber klar, der Druck muss runter, bis in den OP schafft er es nie. Ein martialischer Knochenbohrer aus dem OP wird angesetzt. Der Schädel wird geöffnet – und das Blut spritzt bis an die Wand! Es rinnt in Strömen aus der Nase, der Junge blutet rektal und urethral, das Blut tropft durch die Matratze auf den Boden. Er blutet aus den Augen, es läuft unter den Lidern hervor wie Tränen. 16 Einheiten aus der Blutbank werden geliefert, wir quetschen sie von Hand rein – ich stehe da, schweißüberströmt und mit einem Puls von 180, drücke auf den Beutel mit aller Kraft, um das Blut reinzukriegen, dann den leeren Beutel weg und einen neuen ran. Ich übernehme wieder die Beatmungstüte, der Intensiv-Chefarzt versucht, einen Shunt reinzukriegen.

Und plötzlich – Ende. Das Gehirn bewegt sich – und das Herz bleibt stehen. Asystolie auf dem Monitor. Der Hirnstamm ist durch das Foramen Magnum getreten, es ist vorbei. An diesem Punkt gibt es kein Zurück. Da hilft keine Herzmassage und kein Atropin mehr. Das Zentrum des Menschen, der tiefste Punkt im Gehirn, ist gerade eingeklemmt worden. Ohne Stammhirn geht es nicht. Alle halten mitten in der Bewegung inne, wie erstarrt. Nur ich drücke mechanisch auf meinen Beatmungsbeutel.
Jemand sagt: „Todeszeitpunkt dreizehn Uhr zwölf. Du kannst aufhören, Elina.“

 

Nein, nein, nein, noch nicht. Noch nicht… Meine Hände krallen sich in den Beutel. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, keine Luft mehr in der Lunge zu haben.

 

Und dann stöpsele ich wie in Trance den Beatmungsbeutel ab und alle sammeln ihr Gerät wieder ein, ziehen die Handschuhe aus und ich sage, mit einer Stimme, die sich nicht wie meine anhört, „Wir müssen hier saubermachen, bevor die Familie kommt.“ Das ganze Zimmer ist ein Blutbad, der Junge sieht furchtbar aus. Einer der Neurochirurgen macht sich dran, den Schädel zu schließen.

„Die Eltern kommen!“

Der Chefarzt blickt übers Bett seine Kollegen an. Mit einer Kopfbewegung fordert er sie auf, ihm zu folgen. Vier Ärzte verlassen das Patientenzimmer.

Ich gehe mit zur Tür und schaue ihnen nach, wie sie auf die Eltern zugehen, die guter Stimmung den Flur herunterkommen. Nebeneinander die Herren in Weiß, ernst und ruhig, mit blutig befleckten Kitteln.

Die Erkenntnis in den Gesichtern – bevor auch nur ein Arzt etwas gesagt hat. Was für eine Veränderung in einem Leben, in einer Sekunde ist alles noch in Ordnung und dann ist nie mehr irgendetwas in Ordnung, nie mehr.

Die Mutter schreit. Ich werde diesen Schrei bis zu meinem Todestag im Ohr haben.

Wir machen uns daran, den Jungen zu waschen und herzurichten, alle Zugänge aus dem Körper zu ziehen, denn so kann man die Eltern das ja nicht sehen lassen. Und ich heule, als ich ihm das Gesicht wasche, das Blut aus den Augen wische.

„Elina, du musst das nicht machen, wenn es so schlimm für dich ist“, sagt eine der Schwestern und will mir den Lappen wegnehmen. Nein, ich muss es tun, das ist mein Patient. Und wir wechseln die Laken und wischen das Blut auf dem Boden auf und karren diese Menge an blutiger Wäsche aus dem Zimmer, damit die Familie das nicht sieht, und das Zimmer wird aufgeräumt, dem Jungen ein sauberes Hemd angezogen. Und ich weine dabei. Ich kann nicht aufhören. Ich muss nicht schluchzen, aber die Tränen laufen einfach über mein Gesicht, wie aus einem nicht ganz zugedrehten Wasserhahn.

Die Eltern sitzen mit den Ärzten im Besprechungsraum, als ich melde, wir seien jetzt fertig. „Möchten Sie, dass wir mitkommen?“ Ja, das möchten sie, eine kleine Prozession macht sich auf den Weg, vier Ärzte, die Eltern und ich, und mit jedem Schritt scheinen meine Beine schwerer, und dann steht man da und sieht zu, wie die Mutter sich über ihr totes Kind beugt, und das ganze Herz tut einem weh dabei. Die Hand eines Arztes, den ich kaum kenne, findet meine, während wir stumm dabeistehen und zusehen. In so einer Situation muss man sich irgendwo festhalten; ich klammere mich an ihn wie eine Ertrinkende.

Und später sitze ich in der Cafeteria auf der Veranda mit einem Kaffee vor mir und mir tropfen wieder die Tränen aus den Augen. Jedes Mal, wenn ich eine abgewischt habe, kommt eine neue, ich weine um diesen Jungen und um die ganze Welt. Ich weine um alle, denen ich nicht helfen konnte, bei denen meine Kraft nicht ausgereicht hat. Ich sitze da mit meinem Kaffee und es ist ein wunderschöner sonniger Tag, es blüht überall, und das Kind im achten Stock ist tot.

Und ich kann immer nur an die Familie denken, wie die jetzt wohl dasitzen, was denen noch geblieben ist vom Leben. Und dann denke ich immer an die letzte Strophe von dem Gedicht von W.H. Auden:

Sterne sind jetzt unerwünscht.
Will nichts sehen davon.
Verpackt den Mond.
Zertrümmert die Sonne.
Fegt weg den Wald.
und des Meeres Flut.
Nie wird es sein.
So wie es war.
Nie wieder gut