Niederlage

„Wie schaffst du das?“, fragte mich eine Leserin auf einen kürzlichen Beitrag. Ganz ehrlich? Manchmal schaffe ich es nicht gut. Und manchmal gar nicht. Ich bin kein Übermensch. Ich bin eine gute Krankenschwester, glaube ich, aber es gibt Tage, an denen komme ich nicht klar, an denen mache ich Fehler, an denen fühle ich mich unfähig, ohnmächtig, an denen möchte ich heulen, oder ich tue es. An denen klappt es nicht, und ich scheitere. Aber am Ende steht man halt wieder auf, wischt sich die Tränen ab und macht weiter. Ich musste da spontan an einen Fall vom Anfang meiner Intensiv-Karriere denken, ich war noch sehr jung…

 

„Es geht nicht.“

„Aber kannst du nicht…“

„Elina, ich trau mir das nicht zu, das zu operieren. Es geht nicht. Der Schaden ist zu groß.“

Ich beiße mir auf die Lippe. Das darf nicht wahr sein, das kann nicht wahr sein. Dieser Patient geht mir mal wieder so unendlich nahe. 20 Jahre alt, bei einem Überfall niedergeschlagen. Seine Brieftasche haben die Täter ergattert. Das war’s wirklich wert, was kann da schon dringewesen sein? Medizinstudent mit Stipendium, gutaussehend, auf dem Weg ins Leben. Michael heißt er. Schädel-Hirn-Trauma, ganz schlimm, der Kopf zeigt eine richtige Delle, wo der Schädel eingedrückt ist. Meine Güte, wie müssen die zugeschlagen haben, wenn man bedenkt, wie gut die Natur das Gehirn geschützt hat, in einem stahlharten Knochen! Intubiert und ventiliert, tief bewusstlos. Er trifft mich irgendwo ganz tief drinnen. Er sieht so jung aus, wie ein Kind, so endlos unschuldig, und ich steh da und will nur eins: Magische Kräfte, ich will es gutmachen können, ich will dieses Kind in die Arme nehmen und irgendwie alles in Ordnung bringen.

Ich schaue in die Runde der Neurochirurgen. Ich hatte so gehofft… ja, die Intensivärzte haben schon gesagt, sie können sich nicht vorstellen, dass da operiert wird, die Blutung ist zu groß, der Schaden zu schwerwiegend, die Fraktur zu zersplittert, aber ich hatte trotzdem gehofft…

„Ich rufe Professor Keller.“ Dr. Erl wendet sich ab.

Die Hoffnung glimmt erneut in mir auf. Professor Keller ist wohl einer der genialsten Chirurgen, die es gibt, und obendrein menschlich unübertroffen. Immer korrekt, immer freundlich, hat etwas Leises und Entschlossenes, und ein ethisches Verhalten, das mich immer wieder beeindruckt. Wenn er es nicht kann, dann kann es keiner. Er muss es einfach können!

Die Ärzte verlassen das Zimmer. Ich fange eine OP-Checkliste an, damit wir auch fertig sind, wenn Professor Keller kommt. Dominik schlendert herein und schaut mir über die Schulter: „Mach dir nicht zu viele Hoffnungen, Elina. Ich glaube nicht, dass Professor Keller das operiert.“

Ich ignoriere ihn, schalte auf stur, schreibe eigensinnig meine Liste weiter, ich würdige ihn keines Blickes. Professor Keller ist auf dem Weg, und der kann ALLES! Es muss einfach doch noch gutgehen.

Professor Keller kommt, begleitet von Professor Reiland, dem Chef der Intensiv. Ruhig und gelassen schaut Professor Keller alle Scans an, schweigend, untersucht sorgfältig, denkt, und ich stehe da, fast auf den Zehenspitzen, zitternd vor Erwartung. Professor Keller schaut mich an, schüttelt den Kopf und sagt: „Nein.“

Mir knicken buchstäblich fast die Knie ein. Das Wort hallt in meinen Ohren. Sowas soll Professor Keller doch nicht sagen, Professor Keller, der Retter in der Not, der Mann, der alles richten kann, soll nicht sagen, dass er das nicht kann!

„Keine Chance?“, frage ich mit leiser Stimme und schaue auf das Kind in diesem Bett.

„Ich kann das nicht operieren.“

„Können sie es nicht zumindest versuchen? Bitte?“ Kaum habe ich das gesagt, kommt es mir schon unsäglich bescheuert vor! Als ob Professor Keller operieren würde, wenn ich schön Bitte sage!

„Ich kann nicht.“

Mir schießen die Tränen in die Augen. Professor Keller schaut mich freundlich an und sagt: „Ja. Ich möchte da auch weinen. Manchmal ist es alles, was man tun kann.“ Er kommt um das Bett herum auf meine Seite und legt mir den Arm um die Schultern. „Kommen Sie her, Kind“, (jeden anderen würde ich ja mit einem Schlag wegputzen, wenn er mich „Kind“ nennt – aber bei Professor Keller klingt das ganz natürlich und unendlich freundlich) „schämen Sie sich nicht dafür. Es ist nie falsch zu hoffen. Wie könnten Sie sonst jeden Morgen hierherkommen?“

Ich schniefe und nicke leicht. Professor Keller klopft mir sanft auf die Schulter. „Wir müssen die Waffen strecken. Es tut mir leid. Wirklich.“

Ich glaube ihm das, aber das Herz tut mir weh, wenn ich den Jungen anschaue.

 

Der Junge stirbt nicht mal eine Stunde nach Professor Kellers Beurteilung. Ich sitze daneben und kann nichts tun. Der Hirndruck steigt und steigt, von Minute zu Minute, und da der Schädel ein geschlossener Raum ist, wird das Stammhirn eingeklemmt, was den sofortigen Tod zur Folge hat. Die Uhr tickt in solchen Fällen, entweder man operiert und lässt den Druck ab oder das Unheil nimmt seinen Lauf.

Nicht mal die Familie kriege ich her, die leben am anderen Ende des Landes, der Junge ist ganz alleine hier an der Uni gewesen. Offenbar ein sehr begabter Student. Wer weiß, vielleicht hätte er, wäre das nicht passiert, irgendwann mal hier als Arzt gearbeitet, hätte neben mir hier an einem der Betten gestanden… stopp, so darf ich gar nicht weiterdenken, sonst breche ich hier und jetzt zusammen, ich reiße mich am Riemen, während ich neben dem Bett sitze und nichts tun kann als warten.

Ich möchte mit der Faust gegen die Wand donnern, um mir Luft zu machen, meinem Zorn, meiner Trauer, meiner Ohnmacht. Es verläuft alles wie im Lehrbuch, die Symptomgruppe, die sich Cushing-Triade nennt, tritt auf, die sogenannte Blutdruckschere, der obere Blutdruck steigt, der untere fällt, Verlangsamung des Herzschlages und Verlangsamung der Atmung. Der Körper versucht dadurch verzweifelt, den steigenden Hirndruck zu senken, bis das einfach nicht mehr möglich ist. Von außen sieht man gar nichts, und dann hört der Patient einfach auf zu atmen, und das Herz bleibt stehen, wenn der Druck im Gehirn das Stammhirn durch das Foramen Magnum presst. Und ich sitze daneben und schaue zu, es gibt absolut nichts, was man tun kann, man schaut nur und fühlt sich unendlich unzulänglich und machtlos.

Ich sitze einige Minuten still neben dem Bett, starre vor mich hin. Es ist keine Eile mehr. Wozu?

Schließlich erhebe ich mich schwerfällig, funke den verantwortlichen Arzt an, lasse den Tod feststellen, schalte den Ventilator ab, presse die Hände auf die Augen, um nicht zu weinen. Und ich mache mich daran, das Kind herzurichten, zu waschen, die Augen zuzukleben, den Mund zuzubinden, alle Zugänge zu ziehen, rufe den Transportdienst an, um den Transport in den Leichensaal zu arrangieren, und denke dabei, ich lerne es nie, ich kann das nicht, ich bin für so etwas nicht stark genug.

Ich gehe nach unten in die Cafeteria und kaufe mir einen Kaffee, sitze 15 Minuten im Personalzimmer, und als ich zurückkomme, heißt es, „Neuer Patient kommt aus dem OP, Trauma, kannst du ihn gleich holen gehen?“

Und einmal mehr straffe ich den Rücken, weiter geht’s. You win some, you lose some. Vielleicht gewinne ich beim nächsten Patienten wieder. Vielleicht…