Nimm du den schwarzen Peter…

Wie ich schon einmal beschrieben habe, gibt es in unserem Krankenhaus die MIG, die mobile Intensive Care Group, die ausrückt, wenn sich der Zustand eines Patienten auf der Station verschlechtert; es kommen dann die Intensivstationen zur Untersuchung des Patienten. Es gibt verschiedene Szenarien, die die MIG auslösen, wie sehr hoher oder niedriger Blutdruck, Atmungsfrequenz oder Puls, plötzliche Bewusstseinssenkung oder andauernde Krampfanfälle.

Die MIG besteht aus einem Intensiv-Arzt und einer speziell ausgebildeten Krankenschwester.
In dem Krankenhaus, in dem ich arbeite, gibt es zwei Intensivstationen, eine chirurgische und eine medizinische. Wir teilen uns den MIG-Auftrag, in der einen Woche rücken die Ärzte der medizinischen Intensivstation zusammen mit den Schwestern der chirurgischen Intensivstation aus, in der nächsten ist es andersherum. Der Gedanke ist, beide Fachgebiete zu kombinieren und nur eine Person von jeder Station abzuziehen. Das funktioniert ganz gut, die Kompetenz wird breiter, der Nachteil aber ist: Man arbeitet immer mit jemandem zusammen, den man eigentlich nicht kennt.

Außerdem haben beide Intensivstationen immer zu wenig Plätze, und müssen hart priorisieren, wen wir aufnehmen können. Das bedeutet, wir möchten manchmal gerne einen Patienten der anderen Intensivstation aufdrücken, um selber noch Plätze frei zu haben. Das wird manchmal recht interessant.

MIG auf der Chirurgie, Ellen, eine 75-jährige Patientin, die wegen eines elektiven Eingriffes am Darm ins Krankenhaus kam, und dann ging es los: Am Abend vor der OP rutschte Ellen in der Dusche aus, stürzte, brach sich den Oberschenkelhals. Passiert viel zu häufig, jetzt musste erstmal der Oberschenkelhals von den Orthopäden zusammengeschraubt werden. Fünf Tage später dann die OP am Darm, ein Teil wurde entfernt. Eine alte Dame, die so lange liegen muss, entwickelt selbstverständlich eine Lungenentzündung nach der OP, diese wurde behandelt. Komplikationen nach der OP, die Anastomose, der Teil des Darmes, der zusammengenäht wurde, hält nicht dicht, Darminhalt leckt in der Bauchraum, erneute OP, Peritonitis, Entzündung des gesamten Bauchraumes, Antibiotika, Drainagen werden gelegt, es geht nicht, ein künstlicher Darmausgang wird gelegt. Neue Drainagen, neue Operationen. Ellens Reserven sind schon lange zu Ende, aber die Chirurgen machen weiter, die Venenthrombose im Bein vom langen Liegen wird behandelt, die Nieren versagen langsam, künstliche Nierenausgänge werden gelegt. Na schön, die Nephrologen dürfen auch dabei sein.

Wir kommen zu Ellen, als sie in der Sauerstoffsättigung sinkt. Die kleine alte Dame liegt in ihrem Bett, ist nicht mehr richtig ansprechbar, eine erneute Lungenentzündung nach sechs Wochen im Krankenhaus, es geht ihr richtig schlecht. Ihr Bauch sieht aus wie Mikado, Drainagen stecken in allen Richtungen darin, Pflaster von den Operationen kleben hier und da… sie muss auf die Intensivstation. Ich nicke, da sagt der Arzt der chirurgischen Intensivstation: „Dann zu euch, oder?“ „Ähhh – was? Das ist ja wohl eine eindeutige Chirurgiepatientin?!? Warum zu uns, auf die medizinische Intensivstation?“ Die Antwort kommt sofort: „Nun ja, sie hat ja ein Herzflimmern…“

Ich stehe da, fast fasziniert – ja, das hat sie, und das ist medizinisch, aber das Flimmern ist frequenzreguliert und das hat sie schon seit Jahren, das ist nicht das Problem, das Problem ist doch chirurgisch, warum zu uns?!? Ich habe keine Chance, das Argument mit dem Herzflimmern zieht immer. Ellen kommt zu uns, trotz Fluchen und Haareraufen mitten in der Nacht.

Wir haben ein miserables „disease management“ in den Krankenhäusern…