Push it to the limit

Wenn ich einen Soundtrack für unseren Einsatz in der Notaufnahme wählen müsste, dann wäre es immer das Lied aus „Scarface“. Push it to the limit. 

Joachim ist ein unvergleichlicher Arzt. In Ehren ergraut, inzwischen 64 Jahre alt, er macht das hier seit fast 40 Jahren. Immer ruhig, immer gelassen, etwas unnahbar, eine Aura von Kompetenz umgibt ihn. Ich habe wohl noch nie einen geschickteren Arzt gesehen, eine grandiose Fingerfertigkeit, ein beinahe magischer Umgang mit allen Kathetern, so unendlich kompetent, eine unmögliche Kombination aus Kliniker und Praktiker, es gibt nichts, was Joachim nicht kann, nicht kennt, wozu er nicht die genauen Ziffern und Summen kennt, die neueste Forschung.

Ein Herzstillstand in der Notaufnahme, Anamnese von Vorhofflimmern, behandelt mit Warfarin, stark blutverdünnend, aus dem Ruder gelaufen, ein INR von 4,4, Blutgerinnung unmöglich, Blut im Tubus, immer mal wieder kurz ein tragender Rhythmus, dann wieder Kammerflimmern, die Anästhesie rotiert, ein Ultraschall vom Herzen, Tamponade, Blut sammelt sich im Gewebesack, der das Herz umgibt, und drückt es zusammen und macht einen effektiven Herzschlag unmöglich. Der Lukas arbeitet, ich unterstütze nur das Personal der Notaufnahme, drei Schwestern, alle sehen so jung aus und ich fühle mich plötzlich alt, da betritt Joachim das Zimmer, wie immer von einer unglaublichen Gelassenheit, er schaut auf den Ultraschall und sagt, ein Secalon – Joachim, INR 4,4! Er zuckt gelassen die Schultern, wenn wir die Tamponade nicht beheben, dann können wir gleich aufhören.

Push it to the limit.

Das ist Wahnsinn und wahre Genialität, das ist unmöglich und gleichzeitig die einzige Chance, die der Patient hat, kein anderer würde wagen, einen Patienten mit einem INR von 4,4 mit einer langen Nadel ins Pericardium zu stecken, keiner würde das wagen, aber Joachim ist Joachim.

Open up the limit… past the point of no return…

Der ganze Traumasaal hält den Atem an, als Joachim unterhalb des Sternums nach oben sticht, wie abgekapselt scheint er, in seiner eigenen Welt, voll konzentriert. Der Secalon gleitet ins Pericardium, Millimeter vom Herzmuskel…

Walk along the razors’s edge, don’t look down just keep your head or you’ll be finished…

Die Nadel aus dem Secalon gezogen, der Plastikkatheter lässt sich aber nicht nach vorne schieben, er faltet sich nur, Blut läuft – alle im Saal strecken sich, stehen auf Zehenspitzen, wollen sehen was Joachim dort macht. Joachim lässt den Secalon, das geht nicht, wir brauchen was anderes, noch ein Secalon, wieder unters Sternum ins Pericardium, alles hält den Atem an und hinter uns flüstert jemand „wie cool!“.

No one left to stand in your way…

Joachim entfernt diesmal den Plastikkatheter und lässt die Hohlnadel sitzen, das Blut läuft, der Lukas pumpt, alles ist voller Blut, das muss inzwischen fast schon ein Liter sein, das Blut tropft auf den Boden, Joachim fragt nach einer Transfusion, wir arbeiten unter Zeitdruck.

That’s the point of no return…

Das ist jetzt schon ein Blutbad, er fragt nach einem Guidewire, ich reiße unseren plombierten Schrank in der Notaufnahme auf, keine Zeit, das Klebeband aufzupfriemeln, wir haben einen begrenzten Vorrat in der Notaufnahme für solche Fälle, ich wühle durch Verpackungen und finde einen J-Guidewire, Joachim, funktioniert das?

Going for the back of beyond, nothing’s gonna stop you there’s nothing that strong, so close now you’re really at the brink so push it!

Der Guidewire ist zu dick und passt nicht durch die Hohlnadel, ich reiße die Verpackung eines zentralen Venenkatheters auf und nehme den dünneren Guidewire, der passt, ein Dilator muss auch dabei sein, ich versuche ihn in diesem Wahnsinn auf den Guidewire zu bekommen…

Don’t look down just keep your head or you’ll be finished…

Über den Guidewire dann den Pigtailkatheter, vorsichtig, unsere Handschuhe sind blutig, das ist ein chirurgischer Eingriff inzwischen, wir stehen dicht nebeneinander, die Hände fliegen, Joachim näht den Pigtailkatheter fest, das Blut läuft und läuft, der Patient braucht Plasma, ein Ultraschall, das ist eine Aortadissektion, die Thoraxklinik wird antelefoniert, Notoperation, das Personal der Notaufnahme steht schweigend und reagiert nur noch, wenn man sie direkt anspricht. Notarztwagen, ein Anästhesist steigt mit ein.

Welcome to the limit, take it maybe one step more…

Wir stehen im Traumasaal, Joachim und ich, allein umringt von Menschen, wir sind blutbefleckt und unendlich zufrieden. Das war so gut. Wir waren so gut.

Das war ein solch außergewöhnlicher Mut, ein Mut, den kein anderer gehabt hätte, ein Adrenalinhigh ohnegleichen. Push it to the limit.