Sanna

Ich werde es nie können, nie verstehen, nie alle Puzzleteilchen an den richtigen Platz legen können.

Sanna stirbt heute. Sanna ist 29 Jahre, Sanna hat eine 12-jährige Tochter, die bei ihrem Vater lebt, denn Sanna steckt fest im Heroinmissbrauch. Sannas Mutter hat alle Höhen und Tiefen hinter sich, Jahre eines Lebens mit einer abhängigen Tochter, die plötzlich verschwindet, Geld von zuhause klaut, nach einer Woche irgendwo auf der Straße aufgefunden wird und dann in einer Entzugsklinik landet, verspricht und hofft, von vorne anzufangen, es ein paar Wochen oder Monate lang schafft, einen Job sucht, und dann wieder verschwindet, weil sie diesem Leben nicht standhalten kann.

Die Mutter sitzt neben mir, die Tränen tropfen, als sie mir Sannas Geschichte erzählt. Sanna hat einen hypoxischen Herzstillstand erlitten, von einer Überdosis Heroin, obwohl die schrägen, zwielichtigen Gestalten, die bei ihr waren und den Notarztwagen gerufen haben, versicherten, es sei nur „ein bisschen Heroin“ gewesen. Sannas Herz konnte wieder in Gang gebracht werden und schlägt jetzt regelmäßig, aber ihr Gehirn war zu lange ohne Sauerstoff. Sanna wird nicht mehr aufwachen.

Ich kann die Puzzleteilchen nicht an den richtigen Platz legen. Warum ist das passiert? Wer ist verantwortlich, dass eine 17-Jährige schwanger wird und 12 Jahre später an einer Überdosis stirbt? Wer hat versagt – die Gesellschaft? Die Eltern? Sanna selbst?

Im Flur warten alle die, die wir als „sozial schwach“ bezeichnen würden – ein Sammelsurium von hart blondierten Freundinnen, Sannas Vater, der am hellichten Tag schon getrunken hat, ihr Exfreund, der Vater ihrer Tochter und diverse andere. Mit keinem von denen möchte ich da draußen, außerhalb des Krankenhauses, Kontakt haben, und hier sind sie alle, und trauern um Sanna.

Und ich sehe sie an und habe alle Gefühle gleichzeitig. Sanna ist wunderschön. Ich bin denke daran, dass sich dieser harte Missbrauch immer irgendwann rächt, und dass keiner diese Rache verdient. Ich denke an ein 12-jähriges Kind, das gerade seine Mutter verliert, und an eine Mutter, die um ihre Tochter trauert, die ihr aus den Händen geglitten ist. Und als mein Kollege und ich den Respirator abschalten, denke ich an all das, was Sanna hätte sein können, was sie alles hätte machen können, was diesem Mädchen möglich gewesen wäre, und was nie sein wird.