Summer days

Wenn ich gerade weniger schreibe, liegt das am Sommer. Urlaubszeit, die Hälfte des Personals hat Urlaub. Mein Urlaub ist vorbei und schon vergessen… bei uns ist die Hölle los. Ich habe heute meinen neunten Tag gearbeitet, ohne einen Tag frei zu haben.

Es fing ganz ruhig an – ein stabiler Patient. Um viertel vor acht geht der Alarm: Herzstillstand auf Station 31, zwei Ärzte laufen. Fünf Minuten später – Actilyse jetzt auf Station. Actilyse ist ein Thrombenlöser, löst Blutgerinnsel auf, in dieser Situation bedeutet das eine Lungenembolie, die so gravierend ist, dass sie einen Herzstillstand auslöst. Da ist Eile angesagt, ich laufe, mische noch im Laufen die Actilyse, das Zimmer auf Station 31 ist winzig und voll mit Leuten und Geräten, der Patient in der Mitte, nackt und bloß, Herzlungenmassage, er wird intubiert, um den Luftweg zu sichern. Sandra, unsere Chefin auf der Intensiv, ist da, sie ist Koordinator heute und – naja, sagen wir mal so, sie ist sicher gut in der Administration, aber kein Praktiker. Sie ist hektisch, fuchtelt herum, im Zimmer hantiert die Anästhesie, Tino und Flo von der Intensiv haben die Leitung, oder, Tino hat die Leitung, Flo bounct wie Tigger und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, der hat gerade Amphetamin genommen. Actilyse wird injiziert, wir holen den Lukas, den automatischen Herzlungenwiederbeleber, der um den Patienten gespannt wird und mechanische Kompressionen ausführt, denn dieser Patient wiegt 180 Kilo und es ist schwierig, da effektive Herzlungenmassage auszuführen. Nach 17 Minuten haben wir einen tragenden Rhythmus, schnell jetzt, er muss auf die Intensiv, wir laufen.

Das fängt jetzt erst richtig an – der Patient braucht einen zentralen Venenkatheter, einen arteriellen Katheter, eine Magensonde, einen Urinkatheter, er braucht Infusionen, Medikamente, Injektionen, Antibiotika, Heparin, um weitere Blutgerinnsel zu vermeiden, ein Lungenröntgen, wir müssen einen 180 Kilo schweren Mann in ein Intensivpflegebett ziehen…  Flo bounct und will alles, strahlt und sieht überglücklich aus. Drei Stunden Arbeit. Als ich gerade fertig bin, kommt Sandra: Sie muss zu einem Meeting, ich bekomme die Telefone. Okay. Drei Minuten später geht es los, eine respiratorische Insuffizienz in der Notaufnahme, jemand kann nicht atmen. Schnell einen Patienten aus dem Intensivsaal, fünf Leute sind beschäftigt, da hört man sie schon im Flur, sie kommen jetzt, schnell, hier rein, ein Blick auf den Patienten, er ist aschgrau, kriegt keine Luft, wir versuchen es mit einer Beatmungsmaske, es hält nicht, wir müssen intubieren, schnell, Medikamente, Infusionen, mein Telefon klingelt, die Station 82 meldet, sie haben ein Bett von uns geliehen und brauchen es nicht mehr, wir können es jetzt holen. Wir können gar nichts holen, wenn ihr ein Bett leiht, dann müsst ihr zusehen, dass es wieder zu uns kommt, tschüss, ich lege auf, bevor ein Widerspruch kommen kann. Sandra steckt den Kopf zur Tür herein, sie geht jetzt essen. WAS? Ich habe beide Telefone, wir müssen jetzt intubieren, daneben liegt ein Patient, der vor ein paar Stunden einen Herzstillstand hatte, und du gehst essen?!? Sandra? SANDRA?!!! Sie ist schon weg – nun ja, das hilft jetzt nichts, schnell, konzentrier dich, mach schneller.

Eigentlich liebe ich diese Situationen (damit meine ich nicht, dass ich mich freue, wenn es jemand schlecht geht). Der Zeitdruck, das Gefühl, jetzt gilt es, jetzt gilt nur diese eine Aufgabe, mach es gut, mach es schneller, mach es jetzt, volle Konzentration. Ich bin nie besser als in diesen Situationen, nie so wach und geschärft. Die Sauerstoffsättigung im Blut des Patienten sinkt, ich hantiere mit Injektionen, Infusionspumpen, Geräten, Ausrüstung. Die Konzentration im Saal, alles richtet sich wie eine Kompassnadel auf Björn, der am Kopfende steht und intubieren wird, er gibt Anweisungen, der Patient hat keine Reserven mehr, es muss schnell geht – wir leiten die „Crash Induction“ ein und der Patient schläft ein, Björn intubiert ohne Probleme, ein Handgriff folgt dem anderen, es läuft, wir sind vorbereitet, es geht gut. Der zentrale Venenkatheter, die Magensonde, ich habe Hunger – ich habe nicht gefrühstückt, und hier ist so viel zu tun, Björn verspricht, mir was zu essen mitzubringen, die Telefone klingeln.

Das Essen war wunderbar. Fisch mit irgendwas, woran ich mich gar nicht erinnern kann, und Salat und Schokoladenpudding.

Und zwei Stunden später gehe ich nach Hause, und denke mir, hey, das war ein guter Tag!