Super Mario

Die letzte Nachtschicht hatte ich mit Werner und Heinz – Werner ist kräftig gebaut und dunkelhaarig, Heinz ist etwas kleiner, glatzköpfig und hat sorgfältig frisierte weiße Bartkoteletten. Unser Patient ist um die 50, Post-Herzstillstand, etwas verwirrt, hat schon seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Die fremde Umgebung, die Medikamente, das reicht schon, um den Tagesrhythmus zu stören. Außerdem hat er einen ständigen Reizhusten.

Also habe ich ihm einen Hustensaft gegeben, der Morphium enthält, um den Husten zu lindern. Das stellte sich als verheerend heraus, das wurde zu einem richtigen Trip für den Patienten.

Er fing an, nach „Mario“ zu rufen, immer wieder. Wir versuchen zu erklären, dass hier keiner Mario heißt, daraufhin ruft er nach SuperMario und zeigt auf Werner. „Und Yoshi“, meint er strahlend, zeigt auf Heinz und fängt an, mit hoher Stimme das Super Mario-Lied aus den Nintendo-Zeiten zu singen.

Oh je, der glaubt, wir sind im Super Mario-Spiel, und als ich Heinz ansehe, muss ich lachen, doch, ja, er sieht aus wie Yoshi mit den weißen Koteletten. Der Patient singt weiter und ruft etwas Undeutliches; ich frage erstaunt, „nennt der mich gerade ,Miss Bitch‘?“

„Nein“, meint Werner beschwichtigend, „Miss Peach, die Prinzessin im Computerspiel.“ Na ja, ich kenne mich da nicht so besonders gut aus…

Was soll man schon machen? Der Patient war völlig in der Super Mario-Welt drin, war aber recht zufrieden mit der Sache, erlebte diese Halluzination nicht als bedrohlich oder beängstigend – da blieb nur warten, bis der Effekt des Morphiums abklingt. Ich hab selten eine so kreative Halluzination gesehen!