Schlagwort-Archiv: Krankenschwester

Lichtblicke

Die Intensivstation ist kein besonders heiterer Ort. Wir haben eine Mortalität von rund 30 Prozent, das ist recht hoch. 3 von 10 Patienten verlassen unsere Station nicht mehr, wie viele noch im Nachverlauf sterben, weiß ich nicht. Wir streben tatsächlich eine Mortalität von 30 % an, denn die bedeutet, dass wir die richtigen Patienten aufnehmen. Eine niedrigere Mortalität würde bedeuten, dass wir zu „gesunde“ Patienten aufnehmen, dass wir Patienten zu uns holen, die die Intensivmedizin nicht brauchen. Eine zu hohe Mortalität bedeutet, dass wir Ressourcen auf zu kranke Patienten setzen.

Das ist alles Statistik; was ich sagen will, viele unserer Patienten sterben, viele leben weiter mit verringertem Funktionsniveau, und dann gibt es die, die es ohne Beeinträchtigungen schaffen. Das sind unsere Lichtblicke. Weiterlesen

Du fehlst mir

Ich schreibe immer über Björn, und das ist eigentlich gar nicht so geplant. Björn ist einfach der Arzt, der den größten Abdruck und Eindruck hinterlässt, Björn, der so viel Platz einnimmt, so charismatisch und enigmatisch ist, der alles durchdringt und immer überall sichtbar ist, diese farbenschillernde Persönlichkeit, die mich zum Leuchten bringt und mich jeden Tag aufs Neue herausfordert, immer Herausforderung zwischen uns, immer an der Grenze, immer Dissonanzen und doch Einklang, immer voller Spannung, Vertrautheit, Spannung, Konflikt, Diskussion, Verständnis und Ungeduld – diese eigenartige Freundschaft zwischen uns, die sich über Jahre entwickelt hat. Wir sind Gegenpole, Björn und ich. Weiterlesen

Komplettaussetzer

Es ist 21:00, die Nachtschicht fängt an und sitzt in der Übergabe. Ich bin Koordinator und kontrolliere die Akutausrüstung. Wir erwarten einen Patienten mit Lungenembolien von einer medizinischen Station; es klingelt, ich gehe, um zu öffnen. Als ich um die Ecke komme, stehen drei Frauen vor der Tür und hämmern verzweifelt dagegen – ich stelle meine Kaffeetasse auf das Sofa und laufe, Tür auf, einen Blick auf den Patienten und ich glaube, ich hab aufgeschrien, der Patient liegt blau und leblos im Bett.

Weiterlesen

Auge um Auge

Wenn sich der Zustand von Patienten auf den Stationen verschlechtert, können die Krankenschwestern dort die MIG zu Hilfe rufen. MIG steht für „mobile intensive care group“ und bedeutet, dass die Intensivstationen zur Untersuchung des Patienten kommen. Es gibt verschiedene Faktoren, die die MIG auslösen, wie sehr hoher oder niedriger Blutdruck, Atmungsfrequenz oder Puls, plötzliche Bewusstseinssenkung oder andauernde Krampfanfälle. Die MIG besteht aus einem Intensiv-Arzt und einer speziell ausgebildeten Krankenschwester.
Weiterlesen

Super Mario

Die letzte Nachtschicht hatte ich mit Werner und Heinz – Werner ist kräftig gebaut und dunkelhaarig, Heinz ist etwas kleiner, glatzköpfig und hat sorgfältig frisierte weiße Bartkoteletten. Unser Patient ist um die 50, Post-Herzstillstand, etwas verwirrt, hat schon seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Die fremde Umgebung, die Medikamente, das reicht schon, um den Tagesrhythmus zu stören. Außerdem hat er einen ständigen Reizhusten.

Also habe ich ihm einen Hustensaft gegeben, der Morphium enthält, um den Husten zu lindern. Das stellte sich als verheerend heraus, das wurde zu einem richtigen Trip für den Patienten. Weiterlesen

Über Geschmack lässt sich (nicht) streiten – von kreativen Tattoos

Ich sehe recht viele Menschen nackt und entblößt, was bedeutet, ich sehe auch viele Tattoos. Ich habe selber keine und bin nicht unbedingt ein Fan davon, aber bitte, wenn andere es gerne mögen… Nur nehmen sie sich im Krankenhausmilieu manchmal ein bisschen anders aus,  man bekommt auch so manche zu sehen, die im Alltag nicht unbedingt sichtbar sind, und manchmal würde man auf den Anblick auch gerne verzichten… und manche machen einem sogar die Arbeit schwer: Weiterlesen

Wie viel Uhr ist es?

Die Krebserkrankungen ziehen sich wie ein roter Faden durch meine Karriere. Sie sind überall, egal welche Fachrichtung man wählt, man findet überall Tumore. Brustkrebs, Prostatakarzinom, Eierstockkrebs, seltene Sarkome, maligne Melanome, das Schreckenswort überhaupt: GBM – glioblastoma multiforme, der gefürchtete Gehirntumor, das Todesurteil, immer Grad IV, immer unheilbar, immer schneller Verlauf. Weiterlesen

Habt Dank für eure Zeit

In dem Land, in dem ich arbeite und meine Ausbildung gemacht habe, ist Krankenpflege ein Studienberuf, ich selbst bin bis zum Master of Science ausgebildet. Die Schwestern und Pfleger haben hier darum ein sehr umfangreiches Aufgabengebiet und deutlich mehr Kompetenzen und Spielräume, als das in Deutschland der Fall ist. Zu unserer Unterstützung gibt es die Schwesternhilfen: Das ist ein Ausbildungsberuf, man kann schon im Gymnasium die Einrichtung zur Schwesternhilfe wählen und ist dann mit dem Abschluss fertige Schwesternhilfe, oder man macht eine Ausbildung, die ein Jahr dauert. Schwesternhilfen arbeiten überall in der Pflege, in den Altersheimen, in mobilen Pflegediensten, in den Krankenhäusern. Auch viele Medizin- und Pflegestudenten arbeiten während ihres Studiums als Schwesternhilfen – ich habe es auch getan.

Weiterlesen