Schlagwort-Archiv: OP

Neun Leben

Er kam am Nachmittag, im November, es war dunkel, beinahe Zeit für die Tagschicht, nach Hause zu gehen. Eine Schießerei in einem Vorort, schwerverletztes Opfer.

Schwerverletzt war eine Untertreibung. Wir sehen immer noch eher wenig Schussverletzungen, verglichen mit anderen Ländern, aber sie werden immer mehr. Er war vielleicht 20 Jahre alt, von sieben Kugeln getroffen. Er war fast tot, als er zu uns in den Traumasaal kam. Weiterlesen

Wie viel Uhr ist es?

Die Krebserkrankungen ziehen sich wie ein roter Faden durch meine Karriere. Sie sind überall, egal welche Fachrichtung man wählt, man findet überall Tumore. Brustkrebs, Prostatakarzinom, Eierstockkrebs, seltene Sarkome, maligne Melanome, das Schreckenswort überhaupt: GBM – glioblastoma multiforme, der gefürchtete Gehirntumor, das Todesurteil, immer Grad IV, immer unheilbar, immer schneller Verlauf. Weiterlesen

Fehler!

Wenn jüngere Kolleginnen zu mir kommen mit kleinen Versäumnissen, Missgeschicken, Fehlern, die einfach ständig passieren und die meistens überhaupt keine Rolle spielen, dann versuche ich immer, so verständnisvoll und aufbauend zu sein, wie ich nur kann. Ich hab unter den Jahren alle Fehler gemacht, die es nur gibt, dabei nur einen einzigen schwerwiegenden, einen, der wirklich gefährlich war, der einen Patienten das Leben hätte kosten können, einen Fehler, von dem ich glaubte, ich würde ihn niemals machen, und der mir doch passierte.

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Ich bleibe bis zum Schluss

Patienten kommen und gehen, aber manche bleiben mir im Gedächtnis, glasklar auch nach Jahren. Sie berühren etwas ganz tief in mir.

Ich kann mich weder an ihren Namen noch an ihr genaues Alter erinnern – ich weiß, dass sie über 60 war und sie an diesem Morgen in die Operationsabteilung der Neurochirurgie kam, mit Gehirnmetastasen nach fünf Jahren Kampf gegen Brustkrebs. Ich weiß, dass ich sie mochte, dass sie sympathisch war, nett, mutig, gut informiert, ich kann mich erinnern, dass alles bereit war für die Narkoseeinleitung und wir auf den Anästhesisten warteten, dass ich neben ihr saß und ihre Hand hielt, als sie von den letzten Jahren erzählt, die amputierte Brust, die Chemo, die Komplikationen, die Einsamkeit, der zermürbende Alltag, die Haare, die nie mehr richtig nachgewachsen sind, der Schminkkurs für Krebspatientinnen, wo sie gelernt hat, sich falsche Wimpern anzukleben, von ihren Ängsten vor dieser Operation – die Brust ist eine Sache, das Gehirn eine andere. Ich versuche, positiv zu sein, Mut zu machen für diesen Eingriff, ich sage, es wird schon gutgehen, wir machen das gemeinsam, ich bin die ganze Zeit hier. Weiterlesen

Nicht aufgeben

Als ich kürzlich über Gerlinde schrieb, die ein Zugunglück unglaublich leichtverletzt überlebt hatte, musste ich an Arina denken. Arina war einer der schwersten Unfälle, die je durch unsere Tür kamen, noch heute blicke ich kopfschüttelnd zurück auf dieses Unglück – und vor allem auf den Ausgang.

Arina wurde eines Nachts ins Traumazentrum eingeliefert – ein 16jähriges Mädchen, mit einer Gruppe Freundinnen auf dem Nachhauseweg von einem Fest, angetrunken, war sie von der Bahnsteigkante gestürzt, direkt unter den eben einlaufenden Vorstadtzug. Weiterlesen

Kaiserschnitt – die schönste OP der Welt

Kaiserschnitt. Eine der Operationen, wo ich gar nicht weiß, ob ich sie mag oder nicht. Anästhesiologisch ziemlich uninteressant und langweilig – Spinalanästhesie und dann den Blutdruck oben halten, das ist alles. Chirurgisch auch nicht besonders spannend. Ziemlich anstrengend, denn für die werdenden Eltern ist dieser Tag ein ganz besonderer und soll es natürlich sein, also tut man alles, um sich der Eltern anzunehmen, zu reden, die Nervosität zu zerstreuen, die Stimmung locker zu halten, ihnen Raum und Zeit zu geben, den Vater miteinzubeziehen, das Medizinische auf ein Minimum zu begrenzen. Aber nachdem man 100mal mit fröhlicher, zuversichtlicher Stimme gefragt hat, „Wisst ihr denn, was es wird?“, wird man der Sache etwas müde…

Aber trotzdem – es liegt ein Zauber in dieser Operation, dem man sich nicht entziehen kann. Es ist die schönste, positivste Operation, die es gibt. Während wir ansonsten in der Uniklinik meist schwere Fälle mit düsterer Diagnose operieren, viele bittere Schicksale erleben, ist das eine Operation, die Leben bedeutet, glückliche Patienten, ein Kind, das heute geboren wird. Es ist und bleibt ein magischer Moment, wenn ein neues Leben beginnt, und er rührt mich immer wieder zu Tränen. Und viele Kaiserschnitte sind mir in Erinnerung geblieben.

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Effizienz ist alles…

Ich sitze mit zwei Chirurgen im OP-Vorgespräch. Anwesend sind meine Patientin, eine junge Frau, die an Brustkrebs leidet, nebst ihrem Mann. Erfreulicherweise ist die Prognose der Dame sehr gut, der Tumor wird sich nach jetzigem Stand operativ entfernen lassen und eine Amputation wird nicht nötig sein.

„Haben Sie noch Fragen?“, schließt der Chef-Chirurg schließlich seine Ausführungen ab.

„Äh, ja“, meldet sich mit entschuldigendem Gesichtsausdruck der Ehemann der Patientin. „Also, wenn Sie da schon dabei sind, nicht wahr… könnte man… also könnte man die Brüste da nicht auch gleich vergrößern?“ Weiterlesen

Heute im OP…

Gynäkologische OP, Hysterektomie (Entfernung der Gebärmutter). Alles läuft nach Plan.

Plötzlich ein unverkennbarer Geruch im Saal, die Gynäkologen schauen sich verschreckt an, leichte Hektik bricht aus.  „Ein Riss im Darm?“ „Verdammt!“ „Wir müssen den ganzen Darm untersuchen!“ „Elina, ruf in der Chirurgie an, wir brauchen einen Chirurgen!“ Mist, das wird eine längere Sache, wie konnte das passieren, wer hat denn da jetzt so danebengehauen?!

Medizinstudent, beschämt: „Ich hab gefurzt…“