Schlagwort-Archiv: Tod

Vier Nächte an Weihnachten

 

Besinnliche Weihnachten? Vergiss es. Meistens arbeite ich über Weihnachten, und meistens ist eine Menge Betrieb (wer an Weihnachten in die Notaufnahme schaut, der fragt sich nur, was MACHEN die Leute denn bloß alles im Lauf dieser angeblich so besinnlichen Feiertage????). Vorletztes Jahr war es besonders heftig. Vier Nächte über Weihnachten in der Neurologie. Ich habe schon viele Weihnachten gearbeitet, aber diese vier Nächte sind wie mit Säure in meine Erinnerung geätzt. In diesen vier Nächten starben neun meiner Patienten. Weiterlesen

58 Minuten

Hermann kommt gegen Mitternacht zu uns. Hermann ist 92 Jahre alt, hat einen Herzstillstand erlitten. Er hat Prostatakrebs und Demenz im Endstadium. Seine Tochter hat in Panik den Notruf angerufen, als er Atemschwierigkeiten bekam; als der Krankenwagen eintraf, stand sein Herz schon still. Nach 30 Minuten bekamen die Sanitäter einen lebensgebenden Rhythmus. Weiterlesen

Niederlage

„Wie schaffst du das?“, fragte mich eine Leserin auf einen kürzlichen Beitrag. Ganz ehrlich? Manchmal schaffe ich es nicht gut. Und manchmal gar nicht. Ich bin kein Übermensch. Ich bin eine gute Krankenschwester, glaube ich, aber es gibt Tage, an denen komme ich nicht klar, an denen mache ich Fehler, an denen fühle ich mich unfähig, ohnmächtig, an denen möchte ich heulen, oder ich tue es. An denen klappt es nicht, und ich scheitere. Aber am Ende steht man halt wieder auf, wischt sich die Tränen ab und macht weiter. Ich musste da spontan an einen Fall vom Anfang meiner Intensiv-Karriere denken, ich war noch sehr jung…

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Ich bleibe bis zum Schluss

Patienten kommen und gehen, aber manche bleiben mir im Gedächtnis, glasklar auch nach Jahren. Sie berühren etwas ganz tief in mir.

Ich kann mich weder an ihren Namen noch an ihr genaues Alter erinnern – ich weiß, dass sie über 60 war und sie an diesem Morgen in die Operationsabteilung der Neurochirurgie kam, mit Gehirnmetastasen nach fünf Jahren Kampf gegen Brustkrebs. Ich weiß, dass ich sie mochte, dass sie sympathisch war, nett, mutig, gut informiert, ich kann mich erinnern, dass alles bereit war für die Narkoseeinleitung und wir auf den Anästhesisten warteten, dass ich neben ihr saß und ihre Hand hielt, als sie von den letzten Jahren erzählt, die amputierte Brust, die Chemo, die Komplikationen, die Einsamkeit, der zermürbende Alltag, die Haare, die nie mehr richtig nachgewachsen sind, der Schminkkurs für Krebspatientinnen, wo sie gelernt hat, sich falsche Wimpern anzukleben, von ihren Ängsten vor dieser Operation – die Brust ist eine Sache, das Gehirn eine andere. Ich versuche, positiv zu sein, Mut zu machen für diesen Eingriff, ich sage, es wird schon gutgehen, wir machen das gemeinsam, ich bin die ganze Zeit hier. Weiterlesen

Nie wieder gut

Eben wies mich jemand auf das hier verlinkte Bild im Internet hin. Es zeigt einen Arzt, der eben einen Patienten im Teenageralter verloren hat.

Dieses Bild ist für mich wie ein Tritt in den Magen. Ich habe so viele Ärzte in dieser Situation gesehen, regelrecht zu Boden gezwungen von der Gewalt solcher Momente. Und ich habe selbst auch schon solche Momente erlebt.

Warnung vor dem Weiterlesen: Das ist eine knüppelharte Geschichte! Wer das Wort Blut nicht aushält, sollte hier aufhören. Weiterlesen

Sanna

Ich werde es nie können, nie verstehen, nie alle Puzzleteilchen an den richtigen Platz legen können.

Sanna stirbt heute. Sanna ist 29 Jahre, Sanna hat eine 12-jährige Tochter, die bei ihrem Vater lebt, denn Sanna steckt fest im Heroinmissbrauch. Sannas Mutter hat alle Höhen und Tiefen hinter sich, Jahre eines Lebens mit einer abhängigen Tochter, die plötzlich verschwindet, Geld von zuhause klaut, nach einer Woche irgendwo auf der Straße aufgefunden wird und dann in einer Entzugsklinik landet, verspricht und hofft, von vorne anzufangen, es ein paar Wochen oder Monate lang schafft, einen Job sucht, und dann wieder verschwindet, weil sie diesem Leben nicht standhalten kann. Weiterlesen