Take your sword and your shield… Happy New Year

Weihnachten ist bei uns meist Hochbetrieb. Auch das letzte Weihnachten war wirklich hart – zum einen sind wir immer zu wenig Krankenschwestern, zum anderen hatte letztes Jahr nicht nur die Grippe hart zugeschlagen, ungefähr drei Wochen zu früh, außerdem war das Norovirus in der Stadt ausgebrochen. Aber Weihnachten war noch gar nichts – das erfuhren wir, als wir zur Nachtschicht am Neujahrsabend kamen.

Chaos auf der ganzen Station, wir sammeln uns um 21:00 im Personalzimmer. Eine gehetzte Zusammenfassung: die Notaufnahme voll, die Stationen voll, Grippe überall, vier Zimmer sind wegen Calici isoliert, neun Patienten im Respirator. Nicht gerade eine gute Ausgangslage, denke ich, und sehe mich um, das ist heute Nacht auch nicht gerade die routinierteste Truppe, die da ist – viele unerfahrene Krankenschwestern. Immerhin ist Simone da, 10 Jahre älter als ich, erfahren, geschickt, schnell, meine Freundin aus vielen Nachtschichten und vielen Gesprächen – als wir das Personalzimmer verlassen, sage ich halblaut zu ihr: „Take your sword and your shield…“  wir treten in den Korridor und das Chaos ist überall… „there’s a battle on the field“.

Die Nacht war jenseits von Gut und Böse. In meiner Erinnerung ist sie wie eine einzige Achterbahnfahrt, wir stiegen ein und dann ging es los, in wahnsinnigem Tempo, ohne die Möglichkeit, auf Stopp zu drücken. In der Notaufnahme wurde um 22:30 die Topnotierung des Jahres erreicht, 210 Patienten. Auf der Herzintensivstation nur drei kardiologische Patienten, der Rest besteht aus Patienten, die eigentlich einen Überwachungsplatz haben sollten, mit Lungenentzündungen, Grippe, mit Beatmungsmasken, NIV nennt sich das, non-invasive ventilation, überall schrillen Alarme, wir sind zu wenig Krankenschwestern, und auf einmal geht es los – Björn kommt mit einer Patientin von der Station, die blau im Gesicht ist, Grippe, braucht NIV, gleichzeitig kommt ein Patient aus der Notaufnahme mit dem gleichen Problem, und nach ihm rollt noch eine Bahre um die Ecke – Moment, aus der Notaufnahme war nur einer angekündigt, aber jetzt stehen zwei da. Ich stehe im Flur, telefoniere, ich muss die kardiologischen Patienten loswerden, die können auch auf anderen Stationen liegen, da kommt noch eine Bahre um die Ecke, Panik macht sich breit, eigentlich kommt hier keiner rein, ohne von unserem Primärarzt genehmigt worden zu sein, aber heute Nacht scheint das System zusammenzubrechen, ich fühle mich wie ein Kapitän im Sturm, ich stehe im Flur und weise Zimmer an, der dahin, der dorthin, der kann auf die Station 31, den nehmen wir da, so nahe waren wir noch nie an einer Art von Kriegsversorgung, immer wieder neue Patienten, Simone hat einen wilden Blick, als sie aus einem Zimmer kommt und drei neue Patienten sieht, wir erhöhen von acht auf elf Betten, müssen dann noch den Röntgenraum öffnen, also zwölf Patienten, wo nur acht sein sollten, allen geht es schlecht, nichts reicht, wir haben nicht genug NIV-Apparate, Stefan holt von der Pulmologie noch deren verfügbare, ich telefoniere mit der Aufwachstation und Gina holt von dort Kabel für die arterielle Druckmessung, wir haben einfach nicht genug Ausrüstung für zwölf Überwachungspatienten, wo eigentlich acht kardiologische Patienten liegen sollten.

Den Zwölfschlag haben wir alle verpasst – ich stand mit einem ganzen Team bei einer Patientin, die 75% in der Sauerstoffsättigung hatte, ein kurzer Blick nach oben, als das Feuerwerk knallte, dann wieder Konzentration. Im Personalzimmer eine Menge Essen, alle hatten etwas mitgebracht, und keiner kam auch nur dazu, ein Glas Wasser zu trinken. Simone ruft mir über den Flur ein „Gutes neues Jahr“ zu, als wir einander mal wieder zu Gesicht bekommen.

Um 01:00 die Schreckensnachricht – ein Herzstillstand in der Notaufnahme. Wir haben alle Respiratorplätze belegt – aber was sollen wir machen? Wir haben 10 Respiratoren, und einen Transportrespirator. Ich schichte um (ihr erinnert euch an das Tetrisspiel?) und grabe den zehnten Respirator aus – das geht so nicht, aber damit kaufen wir ein bisschen Zeit, vielleicht hat noch eine andere Intensivstation der Stadt einen Platz, vielleicht können wir diesen Patienten in ein paar Stunden verlegen, was ist die Alternative? Den Tubus im Traumasaal zu ziehen? Nicht, so lange hier noch ein Respirator steht, wir machen es möglich, Hermann und Viola im Überwachungssaal nehmen es mit Professionalität und Gelassenheit. Wie dankbar ich den beiden war – auf der Station macht sich schlechte Stimmung breit, ich verstehe das und kann trotzdem nichts dagegen tun, Björn und ich telefonieren mit allen Intensivstationen der Stadt, keine davon kann den Patienten übernehmen.

Um 03:00 ist unsere Station rappelvoll, jedes Bett ist belegt, wir können keinen einzigen Patienten mehr aufnehmen. Wenn es in der ganzen Stadt so aussieht, dann bleibt nur zu hoffen, dass in den nächsten Stunden kein Patient mehr kommt, ansonsten müssen wir anfangen zu triagieren nach einer Art von Katastrophentriage – bei wem machen die Einsätze am meisten Sinn?

Gegen 05:00 sitzen Simone und ich zerzaust und verschwitzt im Personalzimmer und essen ein paar klägliche trockene Reste unseres Silvesteressens. Wir können nur noch müde lachen nach diesen Anstrengungen. Gutes Neues Jahr.

Seit dieser Nacht sagen wir, wenn wir viel zu tun haben, immer nur noch trocken: „Take your sword and your shield, so schlimm wie die Neujahrsnacht kann es nicht werden.“