The credit belongs to the man who’s actually in the arena…

Der Traumaalarm geht kurz vor 21:00, für mich beinahe Zeit, nach hause zu gehen – nur haben wir zwei Säle laufen, die Neurochirurgie ist auch im Gange, und die vierte Anästhesieschwester ist auf einem Transport. Na gut, ich kann noch ein bisschen bleiben, ich fange eben an, dann wird schon jemand kommen, der dann übernimmt.

Der Traumafall ist jenseits von gut und böse. Ich weiß nicht mal genau, was passiert ist, aber es war ein Autounfall, der Fahrer aus dem Wagen geschleudert, er kommt im Herzstillstand, die Brust zerquetscht, unter Herzmassage, vom Notarzt intubiert, völlig kaputt. Die Mortalität bei solchen Fällen ist enorm, das ist fast unmöglich, so einen Patienten wieder in einen lebensgebenden Rhythmus zu bringen, die Schäden zu reparieren. Herzlungenmassage, Defibrillator, wir kämpfen um Zugänge, um Blutproben, um Ventilation, Sauerstoff in die Lungen und damit ins Gehirn und ins Gewebe zu bringen, wir transfundieren das 0negative Akutblut und bestellen mehr, viel mehr, mehr Volumen, mehr Plasma, mehr Thrombozyten, die Aktivität ist fieberhaft, der Lärmpegel hoch, immer wieder lassen wir alles los und treten einen halben Schritt von der Bahre zurück, wenn die Anweisung „stand clear“ für den nächsten elektrischen Schock durch’s Herz kommt. Wo sind alle Anästhesieschwestern? Das ist alleine kaum zu machen, wir müssten drei oder vier sein bei diesem Trauma. Und dann plötzlich, bei der nächsten Kontrolle – mehrere Hände in den Leisten, ich habe meine am Hals des Patienten – der Ruf, der durch den Traumasaal geht: Puls, wir haben einen Puls! Tatsächlich – wir haben einen tragenden Rhythmus, das EKG zeigt Komplexe, wir haben einen schwachen Blutdruck, wir haben einen Puls, wir haben das Unmögliche möglich gemacht.

Ins CT, wir kommen nicht weiter ohne eine Auffassung über die Schäden, es wäre Wahnsinn, diesen Mann blind zu öffnen im Not-OP, wir arbeiten schneller, es ist warm unter der Bleischürze, wir brauchen mehr Medikamente, mehr Infusionspumpen, mehr Blut, mehr Plasma. Zwei andere Anästhesieschwestern schließen sich an, aber ich kann jetzt nicht gehen, ich lasse nicht los, wir sind schon so weit gekommen, das hier ist mein Patient. Wir arbeiten im CT, mit Schutzbrille, noch schneller, wieder Herzstillstand, wir schaffen es noch einmal, einen tragenden Rhythmus zu bekommen, ich laufe in den Traumasaal, um Gerinnungsfaktoren zu holen und kriege auf dem Weg zurück die Tür zum CT ins Gesicht, die der Anästhesist aufschlägt, „wir brauchen noch…“ und das Blut läuft mir ins Auge, ich habe eine Platzwunde an der Stirn und keine Zeit dafür, die OP-Schwestern steht neben mir und wischt das Blut von meiner Stirn und klebt mir ein Pflaster drauf, während ich Gerinnungsfaktoren spritze.

Wir kommen nirgendwohin, der Patient ist so instabil, dass wir immer wieder abbrechen müssen, um wieder zu defibrillieren. Auf dem Weg in den OP müssen wir uns geschlagen geben – wir haben wieder Herzstillstand und kriegen keinen lebensgebenden Rhythmus wieder, und erklären den Patienten für tot, zweieinhalb Stunden nach Ankunft, nach einem erbitterten letzten Kampf. Wir haben es nicht geschafft. Trotz aller Anstrengungen sind wir gescheitert mit diesem Patienten, dem wir versucht haben, alle uns möglichen Chancen zu geben und der wahrscheinlich nie eine wirkliche Chance hatte.

Wir stehen in einem leeren OP und der Traumachirurg klebt meine Platzwunde fachgerecht zusammen, der Anästhesist steht neben mir, es ist fast Mitternacht. Das Schweigen, das schiefe Lächeln, das geteilte Bewusstsein, dass dies eine außerordentliche, eine einzigartige Leistung war, die wir gerade gemeinsam vollbracht haben. Leider hat es nicht gereicht.

“It is not the critic who counts; not the man who points out how the strong man stumbles, or where the doer of deeds could have done them better. The credit belongs to the man who is actually in the arena, whose face is marred by dust and sweat and blood; who strives valiantly; who errs, who comes short again and again, because there is no effort without error and shortcoming; but who does actually strive to do the deeds; who knows great enthusiasms, the great devotions; who spends himself in a worthy cause; who at the best knows in the end the triumph of high achievement, and who at the worst, if he fails, at least fails while daring greatly, so that his place shall never be with those cold and timid souls who neither know victory nor defeat.”  Theodore Roosevelt