Vier Nächte an Weihnachten

 

Besinnliche Weihnachten? Vergiss es. Meistens arbeite ich über Weihnachten, und meistens ist eine Menge Betrieb (wer an Weihnachten in die Notaufnahme schaut, der fragt sich nur, was MACHEN die Leute denn bloß alles im Lauf dieser angeblich so besinnlichen Feiertage????). Vorletztes Jahr war es besonders heftig. Vier Nächte über Weihnachten in der Neurologie. Ich habe schon viele Weihnachten gearbeitet, aber diese vier Nächte sind wie mit Säure in meine Erinnerung geätzt. In diesen vier Nächten starben neun meiner Patienten.Die Neurologie in der Uniklinik ist ein verdammt aussichtsloser Ort. Nirgendwo sonst gilt so sehr der Spruch: „Selten heilen, oft lindern, immer trösten.“ Gehirntumore im Endstadium, Multiple Sklerose, ALS, Parkinson, seltene Erkrankungen, die kaum dokumentiert, kaum erforscht sind, wie zum Beispiel Creutzfeldt-Jakob oder Miller-Fisher, Morbus Fahr. Die Diagnosen sind immer furchtbar.

Wir sind nur zu dritt auf 18 Patienten, eine Krankenschwester, zwei Schwesternhilfen, zehn Stunden Arbeit, die Nacht hindurch. Es ist Weihnachten, die dunkle Zeit. Wir haben unendlich viel zu tun, die ganze Station ein einziges Chaos. Hier ein Krampfanfall, dort ein Mann, der stürzt und eine Platzwunde an der Schläfe hat. Dort geistert einer herum und pinkelt auf die Heizung. Außerdem haben wir einen 18-Jährigen mit Gehirntumor im Dienstzimmer, dem nicht mehr geholfen werden kann, und eine Frau mit einem Mediainfarkt, die ganze linke Gehirnhälfte ist infarziert, die nur noch auf den Tod wartet. Wir haben außerdem sechs Patienten mit ALS auf der Station, statistisch eine Unmöglichkeit bei 18 Patienten, ALS ist so selten, aber an der Uniklinik sammeln sich die Spezialisten, darunter auch Hilde Wendt, eine international geschätzte Spezialisten für ALS, das sind alles ihre Patienten.

ALS ist ein Schreckenswort ohnegleichen. Die Muskeln verkümmern, die Gliedmaßen, die Atmungsmuskulatur, dann kommt eine Lungenentzündung, dann ertrinken die Patienten im Sekret – sie können nicht husten, sich nicht bewegen, bei vollem Bewusstsein, sie wissen alle, dass sie sterben werden.

Wir haben Elin, die jeden Abend auf ihre Morphiuminjektion wartet und ihren Gutenachtkuss, wir finden unsere Routine, Elin und ich. Elin kann nicht mehr sprechen, schreibt aber auf einen Collegeblock, ich lese und antworte. 5mg Morphium und ein Kuss auf die Wange, und Elin schläft ruhig, um Mitternacht schleiche ich nochmal herein und injiziere ihr Antibiotikum.

Helen, die ihre Atemnot in Panik versetzt, nichts ist so schlimm wie das Gefühl, zu ersticken, keine Luft mehr zu bekommen, man weiß nicht, was hier die Henne und was das Ei ist, ist es die Lungenentzündung, die ihr den Atem raubt, oder die Panik, Helen ist kaum mehr zu erreichen in ihrer Panik, sie braucht Morphium und Valium und fällt dann in Bewusstlosigkeit, und in zwei Stunden geht alles von vorne los.

Felix, der nur 55 Jahre alt ist, ein Leben lang als Polizist im Außendienst, der die seltene bulbäre Form von ALS hat, die die Muskulatur im Hals und Gesicht befällt. Felix kann noch gehen, aber nicht mehr sprechen, schlucken oder husten.

In meiner Erinnerung sind wir diese vier Nächte nonstop beschäftigt. Wir rennen von Patient zu Patient, scheine ständig nur Brände zu löschen, allen geht es schlecht. Es ist beinahe spürbar, jede Nacht kriecht der Tod zu uns auf die Station, durchdringt alles, kriecht vorwärts, und holt sich mit klammen Fingern einen meiner Schützlinge.

Die Frau mit dem Mediainfarkt stirbt, die ganze Familie ist anwesend. Die Vitalparameter unseres jungen Mannes mit Gehirntumor werden schlechter, der Puls wird langsamer, ich taste den Puls, als er anfängt zu schwitzen und zu jammern, sein Kopf tut weh, ich lege die Hand auf seine Schulter, der junge Mann wimmert „ich kann nichts sehen“ und ich habe keine Ahnung, was hier jetzt los ist, und ich sage noch „ich seh für dich, keine Angst“ und er verliert das Bewusstsein und hört auf zu atmen. Der Tumor war in ein großes Gefäß eingebrochen und dieses riss in der Nacht, eine Gehirnblutung. Ein Krampfanfall in der Nacht, ein 23 Jahre alter Mann, das Valium zeigt keine Wirkung, wir lösen den Alarm aus und rufen das Notfallteam der Intensivstation, der junge Mann ist im Status Epilepticus, beißt sich auf die Zunge, das Blut läuft aus seinem Mund, und plötzlich hört er auf zu atmen, wir fangen Herz-Lungenmassage an, das Notfallteam trifft ein, wir arbeiten beinahe eine Stunde und bekommen keinen lebensgebenden Rhythmus wieder. Tim wird für tot erklärt mit Blut im Gesicht unter grellen Lampen, mit gebrochenen Rippen von der Herz-Lungenmassage.

Ich scheine nur verschwitzte Hände zu halten in diesen Nächten, die meine umklammern, nur Morphium und Valium zu injizieren, nur blicklose Augen zu schließen, nur weiße Laken zu wechseln und Transporte zu bestellen. Wir sprechen mit Angehörigen, wir halten Hände, wir beten mit Familien, wir trinken Kaffee und gehen zum nächsten Patienten, der uns braucht.

Elin stirbt allein im Schlaf, sie lebt einfach nicht mehr, als ich um Mitternacht in ihr Zimmer schleiche. Helen stirbt wach, sie schreit in Panik, ich spritze Valium und Morphium, sie sinkt weg und schreit und jammert, mehr Valium, ihre Augen drehen sich, und sie schreit immer noch, sie ist nicht wach, nicht bei Bewusstsein, und trotzdem schreit sie noch in Panik. Das dürfte einiges über die Panik eines Menschen, der keine Luft mehr bekommt, aussagen. Dann hört sie auf zu atmen, in meiner dritten Nacht, um vier Uhr morgens. Ich funke den diensthabenden Arzt an, um den Tod feststellen zu lassen, wir waschen Helen, und ich wische mir die Tränen aus den Augen.

Felix liegt nicht in seinem Bett, als ich zu ihm komme in meiner vierten Nacht, er ist im Badezimmer, das Zimmer ist eiskalt, Felix will das Fenster offen haben, bei dieser Atemnot scheint ihm die kühle Luft zu helfen, die Tür geht auf, Felix taumelt mir entgegen, aschgrau im Gesicht, er hat sich ein Taschentuch in die Unterlippe geschoben, wie immer, er kann den Speichel nicht schlucken und will nicht, das es tropft, er kann kaum atmen und fällt mir entgegen, ich fange ihn auf und er presst seine heiße Stirn an meinen Hals, ich helfe ihm vorsichtig ins Bett. Felix hat einen Lightwriter, der aussieht wie eine Schreibmaschine mit Display, er drückt auf die Tasten und seine Worte sind im Display zu sehen, „ich traue mich nicht zu schlafen“ und ich denke, wer wagt es zu schlafen mit der Angst, dass man nicht mehr aufwacht? Ich sage besänftigend, du musst nicht schlafen, du darfst wach sein, ich schaue nur immer wieder bei dir rein, wenn du doch einschläfst, dann wecke ich dich nicht, aber du musst nicht schlafen. Felix bekommt Valium, ich sitze bei ihm, bis er einnickt, seine Qual und seine Angst für eine kurze Zeit ein Ende nehmen.

Ich spreche noch mit Felix’ Frau an diesem Abend, sie ist zuhause, sie kann nicht mehr, und ich verspreche ihr, dafür zu sorgen, dass Felix keine Schmerzen haben wird und keine Angst, das kann ich machen.

Felix wacht noch einmal auf, gegen vier Uhr, in heller Panik, er bekommt keine Luft, er ist grau im Gesicht, er will uns noch etwas zeigen, seine Hände sind fahrig, alles fliegt von seinem Tisch, er kann nichts mehr halten. Viola ist bei ihm, während ich den Flur runterrenne nach den Spritzen mit Valium und Morphium. Ich fange Felix’ Hand, seinen Arm mit der Kanüle, ich spüle mit Kochsalzlösung, Viola macht das Fenster weit auf in dieser kalten Winternacht, so würde er es wollen,  und wir halten Felix, ich halte ihn in meinem Arm und Viola hält seine Hand, bis er ruhiger wird, die Medikamente ihre Wirkung zeigen, Felix ist am Ende seines Weges, wir halten ihn und Felix stirbt in meinen Armen, ich lege die Hand auf seine Stirn und spreche mit ihm, sage ihm, dass er jetzt gehen darf, das Fenster ist offen, erinnere mich dunkel an ein Zitat aus einem Film und sage „auf Flügeln flieg dahin“, er hört auf zu atmen und sein Herz hört auf zu schlagen.

Wir legen Felix in sein Bett und fangen an, ihn zu waschen und herzurichten. Der unendliche Kummer, als wir sehen, dass Felix sich Toilettenpapier in die Unterhose gestopft hat, damit wir nicht sehen sollen, dass er seinen Urin nicht mehr richtig kontrollieren kann. Hätte er es erwähnt, hätten wir ihm damit helfen können, aber er hat sich offenbar zu sehr geschämt. Wir ziehen Felix ein Foto-T-Shirt an, das wir in seinem Schrank finden, ein Bild von ihm und seiner Frau. Wir dunkeln das Zimmer ab, ein kleines Tuch, eine Blume auf dem schäbigen Nachttisch. So ist der Tod in der Klinik.

Das Telefongespräch mit Felix’ Frau, sie kommt, ich umarme sie, er war nicht allein, wir waren bei ihm, er starb in meinem Arm, und er starb ohne Angst und ohne Schmerzen. So gut, wie es werden kann, in dieser desperaten Lage, in dieser schlimmen Nacht. Felix war mein neunter Patient der starb in diesen vier Nächten.

Morgens gehe ich in der Dunkelheit nach Hause. Es waren vier lange Nächte.