Wer verteilt hier das Glück…?

Ich habe ein langes Wochenende hinter mir – wir haben gerade einen „bad run“. Ein Herzstillstand nach dem anderen, und keiner schafft es. Da bleibt nur die kalte, grausige Realität des Sterbens auf der Intensivstation oder im Traumasaal.

Am Freitag gegen 12:00 – „Elina, du musst kommen, ein Ventilator und den Lukas nach oben in die Angiographie, die brauchen dich, da sind gerade zwei Herzstillstände“. Den Ventilator ausgegraben, den Lukas im Rucksack auf den Rücken, nach oben in die Angiographie, ein Patient nach einer elektiven Angiographie, mit einer unmittelbaren Stentthrombose, Herzlungenmassage, im anderen Saal rotieren sie wie wild, nur ein Blick und dann die ganze Konzentration auf diesen Patienten, Zugänge, Lukas aufgespannt, Adrenalin, der Operateur sticht durch die Leiste und fädelt sich bis in die Herzkranzgefäße, alles zu, noch ein Zugang, ein Blutgas, Rhythmuskontrolle, Kammerflimmern, ich lade, warne mit dem „stand clear“, das jeder aus den Fernsehserien kennt, und feuere ab, keine Reaktion, Lukas wieder an, Lukas wieder ab, der Operateur muss sehen, wie die Gefäße aussehen, Lukas wieder an, Noradrenalin, Atropin, Adrenalin, Saskia steht hinter mir und zieht alles auf, was gerufen wird, assistiert mit Kanülen, Infusionsaggregaten, ich schaffe einen Zugang in der äußeren Halsvene, wir arbeiten hart und lange, 45 Minuten, 48 Minuten, die Gefäße werden geöffnet, ein Blutgas, kein tragender Rhythmus, wir nehmen noch ein Blutgas ab, nach diesem Gas schließen wir die Sache ab – da, die Rhythmuskontrolle: Sinus, ein lebensgebender Rhythmus.
Das soll nicht passieren, nach 50 Minuten soll niemand leben, das ist zu lange, aber was sollen wir machen? Jetzt lebt er, der Definition nach. Also der Transport auf die Intensiv, das geht niemals gut für diesen Patienten, aber jetzt haben wir keine andere Wahl, als den Intensivprozess anzufangen. Wir kommen beinahe gleichzeitig mit der Patientin aus dem anderen Saal an, auch sie hat einen tragenden Rhythmus, jetzt fängt die Arbeit erst richtig an mit diesen instabilen Patienten, ich bleibe noch zwei Stunden länger, als ich sollte.

Am Samstag der Kampf, alle Maßnahmen spielen eigentlich keine Rolle, wir kämpfen hart und wissen eigentlich alle, dass es keinen Sinn mehr macht. Am Sonntag arbeite ich eine Doppelschicht, von 07:00 bis 21:30, ich bin Koordinator und damit für alles zuständig, ich unterstütze Kolleginnen, die sich um diesen kritischen Patienten kümmern, außerdem laufe ich am Nachmittag nicht weniger als vier Mal mit dem Lukas im Rucksack in den Traumasaal in der Notaufnahme, Herzstillstand, vier Mal innerhalb weniger Stunden. Jeweils eine Stunde Arbeit, Lukas, Blutgase, Zugänge, Diagnostik, Unterstützung der Schwestern der Notaufnahme. Alle sind sie Männer, alle sind sie zu jung für einen Herzstillstand, einer hat ein geschwollenes Gesicht und eine Platzwunde an der Schläfe, der andere blutigen Schaum im Tubus, ein Lungenödem, Rückstau in der Zirkulation, der andere einen lachsgoldenen Ehering. Keiner von ihnen schafft es.

Montagmorgen – 07:20, Alarm aus Zimmer 1, mein Patient vom Freitag, Stopp im Tubus, schon pulslos, wir legen die Waffen nieder. Dieser Patient hatte nie eine wirkliche Chance, ich nehme Kati, die verantwortlichen Krankenschwester, aus dem Saal, sie ist völlig verstört, ich versuche zu erklären, was gerade passiert ist, und dass da nicht mehr zu machen war, da schrillt der Alarm aus Zimmer 12 – die andere Patientin, die am Freitag einen Herzstillstand erlitten hat, hat Kammerflimmern, ist nicht mehr in einen lebensgebenden Rhythmus zu schocken, nach einer halben Stunde geben wir auf. Nun sitze ich mit Kati und Janina, beide jung und neu in diesem Beruf, und versuche zu erklären, dass sie nichts falsch gemacht haben, und welche minimalen Chancen beide Patienten hatten, dass uns das selten glückt, versuche, Ängste aufzufangen und Schrecken zu besänftigen.

Ich bin gerade fertig, da kommt der Anruf – ein Herzstillstand, eine Stemi, ST-elevation myocardial infarction, ein Infarkt, Lukas in die Notaufnahme, nach 40 Minuten ein tragender Rhythmus, Angiographie, in Ventilator nach oben, ich laufe und denke, das kann nicht wahr sein, es ist erst 08:30, und es sieht schon so aus?? Oben Ventilator an die Gasanschlüsse, Adrenalin, Noradrenalin, Atropin, Tribonat, einen Zugang im Hals, ein Blutgas, Björn sagt etwas von 50 Minuten Herzlungenmassage und mein Mut sinkt, das ist genau derselbe Fall wie die letzten Tage, das geht nicht, wir können das nicht machen. Aber dann – das verschlossene Gefäß geöffnet, wir haben einen Rhythmus, Björn will ein CT, sofort, er arbeitet jetzt seit 25 Stunden und ich weiß, jetzt fängt man am besten keine Diskussionen an,  ich rufe im CT an, die sind nur mäßig begeistert, als ich erkläre, dass wir jetzt kommen, ein Bett, Sauerstoffbombe, Defibrillator und Überwachungsausrüstung nach oben, wir nehmen den Lift nach unten.

Auf Station das ganze Programm, dieser Patient braucht alles, und Antje, die eigentlich die Verantwortung hat, ist keine Hilfe. Sie steht da und kaut auf dem Bügel ihrer Brille, räsoniert umständlich und nichts passiert, wenn ich es nicht selber in Gang setzte. Urinkatheter, Blutproben, Temperaturkontrolle, eine Magensonde – dann die Nachricht: Wir schließen ab, die Ergebnisse des CTs waren vernichtend. Björn kommt und sagt, das macht keinen Sinn mehr, die Familie sagt ganz klar, dass sie das nicht wollen. Ich schlage ein Einzelzimmer vor, Antje kaut auf ihrer Brille und hat 1000 umständliche Einwände, alles ist kompliziert in Antjes Welt.

Mein Telefon klingelt ständig, wir verlegen den Patienten auf ein Einzelzimmer und ziehen den Tubus, das wird schnell gehen, die Ehefrau kommt, wir erklären die erschreckenden Details des Sterbens, das Blut, das aus seiner Nase rinnt wegen der blutverdünnenden Medikamente, Björns Telefon klingelt, ich nicke, geh du, ich mache das – es dauert noch fünf Minuten, da stirbt der Mann, seine Frau hält seine rechte Hand, ich seine linke, und sie spricht zu ihm, sagt ihm immer wieder, dass sie ihn liebt, dass die 45 Jahre mit ihm ihr großes Glück waren, und ich muss mich plötzlich abwenden.

Das passiert mir heute nur noch äußerst selten, aber dieses alte Ehepaar geht mir plötzlich wirklich nahe. Ich muss meine Stimme hart kontrollieren, sie darf mir nichts anmerken, meine Gefühle tun hier nichts zur Sache, aber ich würde am liebsten selber in Tränen ausbrechen, als sie ihn auf die Stirn küsst und ihr Gesicht neben seinem ins Kissen drückt. Ein ganzes gemeinsames Leben, das da zu Ende geht.

Draußen fange ich Björn ab, der gerade auf dem Weg in ein Meeting ist, der Patient ist gerade gestorben, und wie so oft ist alles falsch, er arbeitet seit 27 Stunden, ich bin angeschlagen, und wir nehmen zu wenig Rücksicht aufeinander, er fährt mich an, er habe jetzt keine Zeit. Ich bin wie immer, zu schnell, zu scharf, zu hitzig, ich werfe die Hände hoch – wem soll ich sonst sagen, dass der Patient gerade gestorben ist, nach diesem ganzen verdammten, sinnlosen Zirkus von Lukas, Traumasaal, Angiographie, CT und Intensivstation, der Patient ist jetzt tot, er starb unter meinen Händen, und das Blut rann ihm übers Gesicht, das die Ehefrau umklammerte – und wende mich ab und lege die Hände in den Nacken, gehe um die Ecke, er kennt meine Gestik, meine Körpersprache, wir kennen einander so gut, wir sehen alles aneinander und er ruft mir hinterher „Elina“ und ich schreie wütend unter Tränen zurück „Was?!?“ „Komm her“, und ich schreie um die Ecke „Nicht jetzt!“.

Eine halbe Stunde später sitzen wir wieder beieinander – das dauert nie lange, so was. Er hat den Arm um den Rücken meines Stuhles, und ich kann nur eins sagen – ich will jetzt nur einen Patienten, für den es gutgeht, nur einen einzigen, dem wir nicht nur wehtun, nur einen, für den wir nur Gutes tun. Ich brauche diesen Patienten jetzt.