Wie viel Uhr ist es?

Die Krebserkrankungen ziehen sich wie ein roter Faden durch meine Karriere. Sie sind überall, egal welche Fachrichtung man wählt, man findet überall Tumore. Brustkrebs, Prostatakarzinom, Eierstockkrebs, seltene Sarkome, maligne Melanome, das Schreckenswort überhaupt: GBM – glioblastoma multiforme, der gefürchtete Gehirntumor, das Todesurteil, immer Grad IV, immer unheilbar, immer schneller Verlauf.

Krebs sehe ich fast jeden Tag in irgendeiner Form. Und trotz aller wunderbaren Erfolgsgeschichten – 75% von Kinderkrebs geheilt, Brustkrebs gut zu behandeln, erfolgreiche Exzision, Radikalität erreicht, ich freu mich über jeden, der die Krankheit überwindet! – sehe ich mit Schaudern alle die, deren Weg zu früh endet. Ich mag die Worte „siegen“ und „verlieren“ in diesem Zusammenhang nicht – es klingt, als hätten alle die, bei denen die Behandlung nicht anschlägt, zu wenig dafür gekämpft. Ich mag das nicht. Jeder tut in dieser Situation sein Bestes, kämpft um sein Leben, und allein die Krankheit entscheidet, welchen Weg es nimmt.

Eierstockkrebs – notorisch dafür, dass er zu spät erkannt wird, er zeigt kaum Symptome. Wenn er erkannt wird, ist es meistens schon viel zu spät. Bildgebende Untersuchungen wie CT und Ultraschall geben nur teilweise Information, wie weit der Krebs schon fortgeschritten ist, letztlich muss man es sehen. Die große OP, entweder wird alles entfernt, Eierstöcke, Gebärmutter, ein Teil des Darms, das Bauchfell, es ist eine Teamoperation, Gynäkologen und Allgemeinchirurgen arbeiten zusammen, diese Operation kann 6-8 Stunden dauern, es wird gekämpft um die einzige Chance, die die Patientin hat. Oder eben: Der Blick in den Bauchraum, die Exploration, die eine Viertelstunde dauert, die Blicke zwischen den Gynäkologen, der Allgemeinchirurg kommt, schüttelt den Kopf, verlässt den Saal, die Gynäkologen sagen, „wir schließen jetzt, nichts zu machen“, und auf der Seite der Anästhesie dreht man das Narkosegas runter, viel Schmerzlinderung wird nicht gebraucht, es wurde nichts gemacht, nur geschaut. Und dann wartet man, während der Bauch geschlossen wird, und sieht die Patientin vor sich, vielleicht 15 oder 20 oder auch 30 Jahre älter als man selbst, zum Tode verurteilt von diesen abartigen Zellen, und streicht ihr über das Haar, das könnte ich sein, ich oder meine Schwester oder meine Mutter, vielleicht, irgendwo sind wir alle Schwestern, irgendwo tief unten, und auch wenn man es nie sieht, ich trauere um euch alle, bei denen nichts mehr zu machen war, wo unsere Kunst nicht ausreichte, um euch zu heilen.

Sie fragen immer nach der Uhrzeit, wenn sie aufwachen. Die Patientinnen sind gut informiert, sie wissen, es gilt hier „alles oder nichts“. Wenn sie aufwachen, wollen sie wissen, wieviel Uhr es ist – ist es spät am Nachmittag, dann konnte man operieren, dann war eine chirurgische Lösung eine Möglichkeit, es gibt eine Chance. Ist es neun Uhr morgens, dann hat die OP 45 Minuten gedauert, und es war nichts zu machen. Wenn wir Glück haben, hat der Gynäkologe Zeit, beim Aufwachen dabei zu sein und Fragen zu beantworten, ansonsten steht man da, als Anästhesieschwester, und muss die Uhrzeit vermitteln, die so viel mehr ist als das. Die Antwort auf die Frage: „Darf ich leben?“