Auf der anderen Seite…

Ich lese den Blog manchmal, oder meine Tagebücher und Mails aus meinen Anfangsjahren, wenn ich nach guten Geschichten für den Blog suche, mit einer Mischung aus Staunen, Erinnerungen, Lachen und dann immer der Erkenntnis, wie sehr sich die blutig neue, ängstliche, gestresste Krankenschwester entwickelt hat.

Inzwischen steh ich auf der anderen Seite. Ich bin die, die Erfahrung hat, die Situationen meistern kann, die andere anrufen, wenn’s brenzlig wird, die man um Rat fragt. Ich bin Koordinator, Schichtälteste, Verantwortliche, die nur noch mit Telefonen und Personal hantiert, ich bin die, an die man sich wendet.

Ich sehe die jungen Kollegen, die gestresst, nervös, unruhig um ihre Patienten herumschleichen und auf die Katastrophe zu warten scheinen, die, die jede akute Situation an den Rande der Verzweiflung bringt, Vanessa, die am Ende ihrer Schicht gerne in Tränen ausbricht, Claudia, die vier Stunden an den Venilatoreinstellungen rumhantiert, Andy, der nach zwei Stunden völlig verschwitzt ist, Karolin, die Tränen in den Augen hat, weil ein Patient sie beschimpft hat, Anita, die hochrot im Gesicht ist und wild rotiert, weil zwei Patienten gleichzeitig kommen, Laura, die verzweifelt ist, weil sie nicht weiß, wie man eine Perikarddrainage spült, und jetzt ist Stopp im Schlauch, und wie man einen IRIDICA-Test bestellt, weiß sie auch nicht. Keine Katastrophe, wir kriegen das hin, das ist alles nicht so schlimm.

Ich sehe sie und versuche mein Bestes, dazusein, wenn sie mich brauchen, Aufgaben gemeinsam zu durchzuführen, statt ihnen die Dinge aus den Händen zu nehmen, zu helfen, zu zeigen, Zusammenhänge zu erklären. Manchmal gelingt das besser, manchmal schlechter, und manchmal geht es einfach schief, aber ich möchte die sein, die man immer anrufen kann, wenn man Hilfe braucht. Weil ich mich noch so gut erinnern kann, wie dankbar ich war für die vielen freundlichen Gesichter und Worte, für die älteren Schwestern und Pfleger, die mich geduldig angeleitet haben, die mir geholfen haben, wenn es schiefging, mich beruhigt haben und mir durch die Klippen der Anfängerjahre die Leuchtfeuer waren.

Und am liebsten möchte ich den Jungen heute sagen, dass das alles schon wird, dass die meisten Probleme nicht so dramatisch sind, wie sie erscheinen, dass sie sich lieber auf den Zusammenhang konzentrieren sollen als auf alle Details, und dass ich ganz genauso war, dass man alles lernen kann, und dass alles seine Zeit braucht. Das haut schon hin, keine Sorge…