Auf zu neuen Ufern

Ich fange einen neuen Job an, nach rund 13 Jahren ist es an der Zeit, die klinische Arbeit erstmal zu verlassen. Ich trete die klinische Leitung der Wachstation an, und ehrlich gesagt, den Management-Job mache ich schon lange auf der Intensivstation, inoffiziell, jetzt ist das meine Stellenbeschreibung, mit entsprechendem Gehalt und den Arbeitszeiten.

Ich habe noch nie Montag bis Freitag gearbeitet und habe keine Ahnung, ob es mir entspricht, aber ich schaffe die Schichtarbeit nicht mehr. In diesen 13 Jahren wurden die Bedingungen immer härter, der Personalmangel immer größer, die Dienstpläne immer unmöglicher. Ich will nicht mehr drei Wochenenden im Monat arbeiten, den irren Wechsel von Spätschicht mit der am nächsten Tag folgenden Frühschicht mehr machen, keine 18 Nachtschichten in zehn Wochen, und nach vier Nachtschichten innerhalb von 24 Stunden wieder auf Frühschicht sein. Ich will keine ungeplanten Doppelschichten mehr arbeiten, ständig Überstunden machen, Pläne absagen und bei Vorschlägen zu Unternehmungen von Freunden immer meinen Dienstplan konsultieren, 2da kann ich leider nicht, da muss ich arbeiten“.

Mein Tag- und Nachtrhythmus ist völlig zerschossen, ein paar Nachtschichten können eine Woche schlechten Schlafes nach sich ziehen. Niemand, der das noch nicht gemacht hat, kann sich vorstellen, wie anstrengend eine Nachtschicht für den Körper ist, wie „off“ man sich fühlt, wie es sich anfühlt, tagsüber zu schlafen – ein Laster parkt, irgendwo im Haus wird gebohrt oder gehämmert, und der Schlaf ist zerrissen, zerfetzt, man steht auf wie gerädert, alles ist „on hold“ unter den Nachtschichten, die Wohnung sieht aus, als sei eine Bombe explodiert, der Kühlschrank ist leer – und nach der letzten Nacht, an dem Tag, dem man dem Arbeitgeber zufolge frei hat, kriecht man übernächtigt und hundemüde gegen 12:30 aus dem Bett, zwingt sich, einzukaufen, spazieren zu gehen, etwas zu unternehmen, Sport zu treiben, um abends wieder einigermaßen schlafen zu können. Es folgen zerrissene Nächte, der Körper wehrt sich, ist völlig aus dem Tritt, kann sich an keinem Rhythmus mehr orientieren.

Eine Sekretärin lächelte nichtsahnend und sagte „Montag bis Freitag – du wirst sehen, am Freitagabend wirst du so müde sein!“ und ich konnte nur hohl lachen, hey, wenn ich am Freitagabend müde sein werde, ist das eine enorme Verbesserung, jetzt bin ich nämlich immer müde. Ich bin immer müde.

Das Erstaunen im Sommer, als ich vier Wochen Urlaub hatte – auf einmal war ich abends müde und schlief ein, wenn ich mich ins Bett legte. Auf einmal war ich morgens wach und ausgeruht. Auf einmal hatte ich einen normalen Rhythmus.

Ich weiß nicht, ob mein Chef an meinem neuen Arbeitsplatz gut ist, aber ich will nicht mehr unter einer schlechten Leitung arbeiten. Ich weiß, dass die Führungskräfte in der Pflege oft mangelhaft sind, und jetzt wechsele ich auf einmal die Seite, aber ich denke, so gut wie die, die da jetzt sitzen, kann ich es auch. Ich habe jetzt eine Chefin, die weder klinisch noch sozial noch führungstechnisch etwas draufhat, und ich habe es satt, eine ganze Station darunter leiden zu sehen. Ich will nicht mehr unter einer Leitung arbeiten, die 20 neue Mousepads mit einer „inspirierenden Botschaft“ verteilt, wenn schlechte Stimmung wegen des Dienstplans herrscht. Und vielleicht habe ich in der neuen Stellung en anderes Mandat und mehr Möglichkeiten, Veränderungen zu implementieren.

Die Intensivpflege zu verlassen fällt mir schwer. Ich mache das jetzt seit so vielen Jahren, und an den eigentlichen Arbeitsaufgaben habe ich immer noch viel Freude. Ich mag die Herausforderungen, ich mag das Tempo, und ich mag meine Kollegen. Ich denke mir immer, dass es in diesem Beruf die wirklich tiefen kollegialen Freundschaften gibt. Ich werde so viele Kollegen unendlich vermissen, mir tut das Herz weh dabei. Es war eine Ehre, euch zu kennen und mit euch zu arbeiten, ihr habt mich lernen lassen, mir Möglichkeiten gegeben, mich beschützt, behütet, umsorgt, und vor allem mit mir gelacht. Ihr seid meine Helden, ich ziehe den Hut vor euch. Ihr seid die wahren Helden für mich.

Aber ich weiß auch: ich habe noch viele Jahre bis zur Rente, und bei dem Gedanken, genau das, was ich jetzt mache, noch in 25 Jahren zu machen, wird mir klamm.

Also: Zeit für neue Herausforderungen, und die Möglichkeit, es besser zu machen!

PS: Keine Angst, ich bleibe euch als Bloggerin erhalten und werde auch künftig ausreichend Stoff haben – schon allein weil ich weiter die ein oder andere Schicht gehen werde!