Bitte ein Ende

Freitag Nachmittag um 14:00. Thank God it’s Friday. Heute war mal wieder so ein Tag, an dem sich diese 100 kleinen Dramen abspielen, wo jemand in Tränen ausbricht und ich eigentlich den ganzen Tag nur mit Damage Control beschäftigt bin. Bald darf ich endlich nach Hause gehen.

Eine neue Patientin angekündigt, ich lese im Computer nach – Katharina, 1955 geboren, Zustand nach großer Subarachnoidalblutung vor zwei Jahren, komplizierter Verlauf, jetzt Aspirationspneumonie, und mir wird ganz kalt. Das ist Katharina, meine ehemalige Kollegin. Katharina, die mit 58 nochmal den Sprung wagte und nach vielen Jahren Dienst auf eine kardiologische Station gewechselt hat, auf die Intensivstation. Sie war nicht Intensivschwester und arbeitet daher als Überwachungsschwester. Immer guter Laune, immer bereit zu lernen, immer fröhlich und eine gute Kollegin. Anfangs brauchte Katharina viel Hilfe und Unterstützung, zum einen waren viele Apparate, Technik und Computersoftware zu erlernen, zum anderen arbeitete sie mit einem ganz neuen Aufgabenbereich. Aber Katharina war aufgeschlossen und wissbegierig, und wir haben immer gut zusammengearbeitet. Im Sommer brachte Katharina uns dazu, einen 5km-Lauf mitzumachen, ein paar von uns liefen, ein paar, darunter Katharina, machen Nordic Walking, eine schöne Runde an einem Sommerabend, danach picknickten wir auf der Wiese.

Katharina brach im Januar 2017 auf dem Weg zur Arbeit in der Eingangshalle zusammen – sie war auf dem Weg zur Frühschicht, als das große arterielle Aneurysma in ihrem Kopf riss. Direkt hinter ihr lief Holger, Arzt auf der Intensivstation, er löste den Alarm aus, war bei Katharina auf dem Weg in die Notaufnahme, durchs CT. Durch die kompetente Versorgung war Katharina nach nur 20 Minuten im Rettungswagen auf dem Weg in die Uniklinik. Das war gerade in dem Moment, als wir Katharina bei der Frühschicht vermissten und ich sie anrief, und Holger, der mit ihrer Handtasche in der Ambulanzhalle stehengeblieben war, antwortete. Katharina mit Blaulicht auf dem Weg in die Uniklinik. Ein improvisiertes Meeting in Utas Zimmer, mein Chef, Holger, Uta und Björn – was tun wir, was sollen wir sagen, was können wir sagen, Katharina kam nicht zur Arbeit, das Personal stellt Fragen, aber Katharina und ihre Familie haben ja wie alle Patienten auch das Recht auf die absolute Schweigepflicht. Katharina ist krank heute, und mit weiteren Informationen warten wir, bis wir mit ihrem Mann gesprochen haben.

Katharina wurde operiert, wieder operiert, beatmet, behandelt, und nochmal operiert. Die nächsten Wochen halten wir Kontakt, wir schicken Blumen, eine Art Buch, wo alle Kollegen eine Seite geschrieben haben, der Verlauf ist unendlich kompliziert. Nach sechs Wochen bittet ihr Ehemann Katharinas Chef und uns alle, keinen Kontakt mehr aufzunehmen, er schafft das nicht, auch noch Katharinas Arbeitsplatz auf dem Laufenden zu halten. Das ist zu respektieren.

Wir sprachen noch häufig über Katharina, sie war eine von allen geschätzte Kollegin. Aber die Zeit lässt alles verblassen.

Jetzt ist Katharina hier, und ich schließe die Akte. Ich habe kein Recht, Katharinas Akte zu lesen. Ich habe genug gesehen. Katharina ist in einem vegetativen Zustand, wird durch einen PEG, eine Sonde in der Magendecke, ernährt, sie spricht nicht, es gibt keinen Kontakt. Hinter Katharinas Augen ist nichts mehr, Katharina ist nicht mehr da. Sie lebt in einem Pflegeheim. Die Komplikationen häufen sich, jetzt hat sie wieder eine Lungenentzündung. Im Flur muss ich an Katharinas Bahre vorbei, ihr Mann steht neben ihr. Ich zögere, soll ich was sagen, ich kenne ihn nicht, will er das überhaupt? Ich trete auf ihn zu, begrüße ihn, stelle mich vor, sage, dass Katharina und ich Kolleginnen waren, er liest mein Namensschild, nickt und sagt, ja, du bist die Krankenschwester aus Deutschland, Katharina hat viel von dir erzählt, immer gesagt, wie smart und kompetent du warst und wieviel du ihr geholfen hast, und wie sicher sie sich gefühlt hat, wenn du mit ihr arbeitest. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, alles klingt nur hohl und falsch. Durch welche Hölle dieser Mann die letzten zwei Jahre gewandert sein muss.

Ich gehe ins Büro, da sitzen Sarah und Nils. Sarah ist in der Facharztausbildung und wir kennen uns schon viele Jahre, sie hat lange auf der Intensivstation gearbeitet, sie kannte Katharina. Ich mache Sarah auf Katharina aufmerksam, wir sehen uns an. Mir ist fast übel, Sarah sagt, dass sie sich nicht um Katharina kümmern kann, sie kannte Katharina. Nils sieht uns an, kein Problem, er macht es. Er verlässt das Zimmer. Sarah und ich sitzen nebeneinander. Gina, die Krankenschwester, kommt herein, hat ein paar Fragen, ich bitte sie, dass Katharina aus dem Flur von der Bahre in ein Einzelzimmer kommen darf, sie war eine Kollegin von mir, kann sie in ein Zimmer kommen? Gina nickt, natürlich.

Mir ist wirklich übel, Katharina geht mir wirklich nahe. Sie war eine von uns, Sarah schließt die Akte, sie kann das nicht lesen. So ein katastrophaler Verlauf für Katharina, das ist der schlechteste Ausgang, den man sich überhaupt nur vorstellen kann. Wir werden so verletzlich, wenn es einen von uns trifft, dann hält keine der normalen Schutzmauern mehr. Ich kann mich um alle Patienten kümmern und mich auf meine Aufgabe konzentrieren, die drei Ps, wie man sagt: Professionell und persönlich, aber niemals privat. Aber wenn es einen von uns trifft, dann wird es privat.

Nils kommt zurück, er hat Katharina untersucht, mit ihrem Ehemann gesprochen und seinem Wunsch zufolge gegen Wiederbelebungsmaßnahmen, gegen Intubation und Aufnahme auf die Intensivstation entschieden. Wir versorgen Katharina mit Antibiotika, werden aber das Niveau nicht erhöhen, falls ihr Zustand sich verschlechtert. Ich stehe an die Wand gelehnt, ich weiß, momentan verrät meine Körpersprache jede Emotion, und ich kann nicht anders. Und Nils, der sonst jeden Körperkontakt scheut, der eigentlich einen Meter „personal space“ um sich herum braucht, streckt ungelenk die Hand aus und streichelt mir kurz über Schulter.

Ich hoffe, dass dein Leid bald ein Ende nimmt, Katharina.